KMU-Anleihemarkt: Verlorengegangenes Vertrauen zurückgewonnen

Donnerstag, 28. Mai 2020


Ein Beitrag der Quirin Privatbank Redaktion:

Der Markt für KMU-Anleihen hatte in der Vergangenheit einen schweren Stand. Inzwischen tendiert die Ausfallrate der festverzinslichen Wertpapiere aber gegen Null, während das Emissionsvolumen seit einigen Jahren sukzessive zunimmt. Kurzum: Für mittelständische Unternehmen sind Anleihen eine attraktive Finanzierungsalternative.

Diese Entwicklung kann sich durchaus sehen lassen. Während am Aktienmarkt 2019 weitgehend Flaute herrschte, hat sich der heimische Markt für KMU-Anleihen überaus erfreulich entwickelt. Immerhin haben im vergangenen Jahr 35 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) unter dem Strich 40 Anleihen auf den Markt gebracht; gegenüber dem Vorjahr ist das ein Plus von fünf Bonds. Parallel dazu stieg auch das platzierte Volumen – und zwar um gut 200 Millionen Euro auf knapp 1,4 Milliarden Euro. Mit dem erneuten Zuwachs setzt sich der positive Trend der vergangenen Jahre fort. Bereits seit 2017 hat die Anzahl der Anleiheemissionen nun sukzessive zugenommen.

Niedrige Zinsen stützen KMU-Anleihemarkt

„Die nach wie vor extrem expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank steigert sicherlich die Attraktivität für die Begebung einer Anleihe. Darüber hinaus machen wir aber auch die Erfahrung, dass immer mehr mittelständische Firmen die Notwendigkeit, ihre Finanzierung auf mehrere Schultern zu verteilen, erkennen“, erklärt Thomas Kaufmann, stellvertretender Leiter Kapitalmarktgeschäft bei der Quirin Privatbank, die zunehmenden Anleiheemissionen.

Experten blicken gewohnt konservativ in die Zukunft

Fakt ist: Der Leitzins im Euroraum verharrt nun schon seit über vier Jahren bei 0 Prozent – und ein Ende der lockeren Geldpolitik ist derzeit nicht in Sicht. Vor diesem Hintergrund könnte der positive Trend am Emissionsmarkt auch im laufenden Jahr und darüber hinaus anhalten. Zwar sind Prognosen – allen voran in so turbulenten Zeiten wie derzeit – durchaus mit Vorsicht zu genießen. Dennoch: Laut einer IR.on-Umfrage unter neun Emissionsbanken werden für 2020 im Schnitt 23 Emissionen erwartet. Das klingt zwar nicht allzu euphorisch, doch für 2019 erwarteten die Banken lediglich 19 neue Anleihen – und herausgekommen sind die bereits erwähnten 40 Emissionen.

Mindestens genauso erfreulich wie die zuletzt gestiegenen Emissionen sind die gesunken Ausfälle. So gab es in 2019 nur einen einzigen Default zu beklagen. Zum Vergleich: 2016 wurden noch 17 KMU-Anleihen vorzeitig vom Markt genommen. Offenbar haben alle an einer Anleiheemission beteiligten Parteien aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. „Der immer noch junge Markt der KMU-Anleihen wird Stück für Stück erwachsener – und gewinnt daher als Finanzierungsalternative zunehmend an Bedeutung“, so Experte Kaufmann.

Richtig ist zwar, dass wieder mehr KMU die Chancen und Möglichkeiten eines IBO (Initial Bond Offering) erkennen. Auf der anderen Seite macht das Gros der mittelständischen Unternehmen aber nach wie vor einen Bogen um den Kapitalmarkt. Vor allem die Transparenzanforderungen, die Kosten und der administrative Aufwand dürfte viele KMU abschrecken. Keine Frage: Eine Anleiheemission gibt es nicht zum Nulltarif und bindet auch Ressourcen. „Doch die Erfahrung zeigt, dass der tatsächliche Aufwand deutlich geringer ist, als viele Unternehmenschefs vorab befürchtet haben“, weiß Thomas Kaufmann.

Vorteile eines IBOs überwiegen

Und es ist ja auch nicht so, dass ein IBO nicht einige Vorteile bietet, im Gegenteil: So reduzieren KMU mit einer Unternehmensanleihe als zusätzlichen Finanzierungsbaustein nicht nur die Abhängigkeit von Banken, sie garantiert dem Emittenten auch eine Flexibilität in der Mittelverwendung. Dass Mittelständler mit der Begebung einer Anleihe Finanzierungs- und Planungssicherheit über die gesamte Laufzeit des Bonds haben und zudem den Zugang zu weiteren Investoren erweitern, spricht ebenfalls für dieses Finanzierungsinstrument. Und was familiengeführten, mittelständischen Unternehmen besonders gefallen dürfte: Aufgrund des Fremdkapitalcharakters ist der Erhalt der wirtschaftlichen Selbstständigkeit gesichert.

Restriktivere Kreditvergabe gefährdet das Wachstum

Ein weiterer Pluspunkt: KMU, die bereits eine Anleihe auf den Markt gebracht und somit ihre Finanzierungsstruktur diversifiziert haben, stärken ihre eigene Position gegenüber Banken bei künftigen Darlehensverhandlungen. Dies ist vor allem aufgrund der Finalisierung von Basel III und Umsetzung von Basel IV ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Grund: „Die neuen Banken-Regulierungsvorgaben verschärfen die Eigenkapitalanforderungen an die Kreditinstitute weiter. Das bekommen künftig insbesondere kleine und mittlere Unternehmen immer stärker zu spüren, wenn es darum geht, Kredite zu attraktiven Konditionen zu erhalten“, erklärt Finanzierungsexperte Kaufmann.

Festzuhalten bleibt, dass KMU-Verantwortliche, die nicht nach rechts und links schauen und das Wachstum – vorzugweise mit einem klassischen Bankkredit – weiterhin zu einseitig finanzieren, nicht nur Chancen verschenken, sondern aufgrund der verschärften Eigenkapitalrichtlinien und der damit einhergehenden restriktiveren Kreditvergabe ein vermeidbares Risiko in Kauf nehmen. Doch Vorsicht: Eine Anleihe ist kein Allheilmittel und auch nicht für jedes mittelständische Unternehmen eine geeignete Finanzierungsform. Die weitverbreitete Annahme, dass sich Anleihen in erster Linie für börsennotierte Unternehmen eignen, ist aber schlichtweg falsch. Von den 2019 insgesamt 40 emittierten KMU-Anleihen wurden immerhin 27 Papiere von nicht-börsennotierten Unternehmen auf den Markt gebracht.

Quirin Privatbank Redaktion.

INFO: Der Beitrag erschien erstmals im Newsletter der Quirin Privatbank und in dieser Woche auch im aktuellen Anleihen Finder-Newsletter-Mai-02-2020

Hinweis: Lesen Sie weitere Artikel zum Thema auf dem Quirin Kapitalmarkt-Blog.

Foto: pixabay.com

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