Die Anleihe als Alternative zur teuren Kreditfinanzierung

Freitag, 13. September 2019


Kolumne von Holger Clemens Hinz, Quirin Privatbank AG

Die Beschaffung von Krediten wird für mittelständische Unternehmen schwieriger und kostspieliger. Unternehmen können sich aber refinanzieren, ohne vom Kreditmarkt oder möglichen Börseninvestoren abhängig zu werden: mit einer Anleihe.

Die Europäische Zentralbank (EZB) will die Leitzinsen noch mindestens bis Mitte 2020 auf ihrem aktuellen Niveau halten – bei null. International sieht es gar eher nach einer weiteren Absenkung aus. Das könnte durchaus ein gutes Zeichen für Unternehmen sein, die auf Kreditsuche sind, wären da nicht die neuen Banken-Regulierungsvorgaben, die die Preise treiben und Restriktionen verschärfen. Indirekt können aber auch die KMU von niedrigen Zinsen profitieren, die aufgrund der Konsequenzen von „Basel 3“ und „Basel 4“ kaum noch an attraktive Kredite kommen.

Denn die niedrige Verzinsung bleibt auch konservativen Anlegern nicht verborgen, die ihr Geld sonst vielleicht auf dem Konto oder in Sparplänen deponiert hätten. Die Angst vor der „stillen Enteignung“ treibt das Geld auf den Anlagemarkt. Doch die Börse ist ein heißes Pflaster; wer unbedarft vorgeht, kann hier schnell viel Geld verlieren. Für Vorsichtige ist die Investition in Anleihen die perfekte Lösung – eine feste Laufzeit, feste Verzinsung und mit der richtigen Wahl und Diversifikation ein verschwindend geringes Ausfallrisiko.

Allerdings geht die Rendite gut bewerteter Anleihen ebenfalls immer mehr in die Knie. Eine Chance für KMU, sich als überzeugende und stabile Investition neu zu präsentieren – die gleichzeitig für den Anleger lukrativ ist.

Welche Vorteile bietet die Anleihe gegenüber einem Kredit?

Neben der mittelfristig günstigeren Verfügbarkeit von Mitteln auf dem Wege der Anleihe bei sich eintrübenden Bedingungen bei der Kreditvergabe sind Anleihen auch eine Sicherung für die Zukunft: Die Finanzmärkte haben sich von der seit nun schon über einem Jahrzehnt anhaltenden Krise noch immer nicht erholt, trotz fortgeführter Nullzinspolitik bestehen weiter erhebliche Ausfallrisiken. Sollte es tatsächlich zu einer neuen starken Erschütterung oder gar einem Crash kommen, wäre das für Unternehmen, die sich maßgeblich über Kredite finanzieren, ein schwerer Schlag. Ein diversifiziertes Unternehmen dagegen spürt hoffentlich nur ein leichtes Rütteln.

Das ist auch für die Kreditvergabe durch Banken in der Zukunft ein Vorteil: Unternehmen, denen Marktturbulenzen wenig anhaben können, sind im Wettbewerb um die Kreditvergabe klar im Vorteil.

Welche Vorteile bietet die Anleihe gegenüber einem Börsengang?

Eine Anleihe bietet einige Vorteile gegenüber dem Schritt an die Börse – auch wenn sich trotz aller Bedenken jeder Unternehmenslenker einmal ernsthaft damit auseinandersetzen sollte. Die Ur-Angst, die Kontrolle über das eigene Unternehmen zu verlieren, ist meist weit größer als die tatsächlichen Auswirkungen eines IPO (Initial Public Offering).

Allerdings sind gerade die Unberechenbarkeit, Agilität und das „unbequeme“ Nischendenken Stärken des deutschen Mittelstandes, die sich mit dem Wesen einer Börsennotierung nicht immer vereinbaren lassen. Auch geht eine Anleiheemission in der Regel schneller und kostengünstiger über die Bühne, die Folgekosten sind ebenfalls überschaubarer.

Hat eine Anleihe auch Nachteile?

Die Kehrseite der gewahrten Selbständigkeit dagegen ist, dass das Geld zurückbezahlt werden muss. Denn auch eine Anleihe ist kein Selbstbedienungsladen für Unternehmen, sondern eine Schuldverschreibung.

Außerdem ist auch eine Anleihe von ähnlichen Faktoren abhängig wie eine Kreditvergabe: Ist die eigene Bilanz zu sehr von unsicherem Fremdkapital abhängig, ist das Unternehmen finanziell verwundbar. Das Risiko eines Anleiheausfalls steigt – und somit auch die Höhe der Rendite, die KMU dem Anleger bieten müssen, damit er sich auf das Risiko einlässt. Wird diese nun erhöht, um dem zu entsprechen, steigen die Kapitalkosten. Dadurch steigt wiederum das Risiko, aus der Profitabilitätszone zu rutschen.

Ein Teufelskreis, der nicht durchbrochen werden kann, indem man die Finanzierungsmethode wechselt. Die Kunst des profitablen Wirtschaftens kann dem Unternehmen niemand abnehmen – weder Banken, Börsenanleger noch Käufer einer Anleihe.

Warum trotzdem zur Anleihe greifen?

Der wohl häufigste Einwand gegen eine Anleiheemission bleibt der Aufwand. Dieser mag zuerst groß erscheinen, hier ist es aber oft vor allem fehlende Fachkenntnis über die notwendigen Schritte, die zurückschrecken lässt. Unbekannte Aufgaben können schnell überwältigend wirken. Und natürlich binden die zusätzlichen Transparenzpflichten Kräfte, auch die Emission geschieht nicht kostenlos.   

Hier gibt es aber einen entscheidenden Vorteil: Die Bank wird im Rahmen des initial bond offerings (IBO) anders als beim Kredit nicht mit Zinsen bezahlt, die auch ihr Risiko durch Liquiditätsbedenken ausräumen sollen. Sie ist kein skeptischer Geschäftspartner, der seine eigenen Interessen im Blick behalten und schützen muss, was schnell kostspielig werden kann.

Im Prozess eines IBO ist die Bank der starke Verbündete, der das gezahlte Geld nutzt, um das Unternehmen perfekt zu begleiten und den gesamten Prozess zu koordinieren. Hier wird im Endeffekt ein Dienstleister bezahlt, um im Sinne des Unternehmens zu handeln.

Die beauftragte Bank übernimmt dann beinahe den kompletten Emissionsprozess, von der Prüfung des Unternehmens über die Bewerbung und Vermarktung bis hin zur eigentlichen Platzierung der Anleihe. Auch für die Aufgaben, die das Unternehmen selbst bewältigen muss, steht sie beratend zur Seite. Denn die Bank hat das Prozedere schon viele Male mitgemacht und weiß, wo die kleinen Fallstricke liegen, die schnell übersehen werden. So wird der Gang an den Anleihenmarkt zur gemeinsamen Erfolgsgeschichte.

Holger Clemens Hinz
Quirin Privatbank AG

Foto: pixabay.com

Hinweis: Original-Text erschien zuerst auf dem Kapitalmarkt-Blog der Quirin Privatbank

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