„Eine Bank ohne Eigenhandel ist wie Tomatensalat ohne Tomaten“

Donnerstag, 28. März 2019


Kolumne von Thilo Müller, Geschäftsführer MB Fund Advisory GmbH

Mehr als 10 Jahre nach der Finanzkrise lohnt sich ein Blick zurück: Nachdem die Finanzwelt im Jahr 2008 und 2009 am Abgrund stand, sollte es nie mehr so weit kommen. Vor allem sollten aber nie mehr Steuergelder aufgewendet werden, um „Boni-Banker“ zu retten.

Banken-Bashing ist seitdem ein beliebtes Spiel. Die Treibjagd auf Banken war nicht mehr zu stoppen, die Regulierung nahm ihren Lauf. Was zunächst gut gemeint war, nämlich mehr Eigenkapital und mehr Transparenz, führte zu mehr Bürokratie und Risikoaversion. Finanzinstitute mussten MiFiD, KIIDs, PRIPS, Geldwäscheprävention und sonstige Vorgaben der Regulierer erfüllen. In Summe war dies ein milliardenschwerer Aufwand für die Branche. Der Kunde eines Finanzinstituts merkt dies, wenn er ein Konto eröffnet und irgendeine Aktivität in Wertpapieren entfalten will – gefühlt muss er stundenlang Fragebögen beantworten und dutzende Unterschriften leisten. In Summe lähmt diese Bürokratie die Geschäftstätigkeit, steigert den Aufwand und schmälert die Erträge. Aber gerade Erträge werden gebraucht, um das Eigenkapital zu bilden, was nach den Anforderungen der Aufsicht in Hülle und Fülle zur Unterlegung von Geschäften benötigt wird. Das gilt nicht nur für Kredite, sondern auch für den Eigenhandel der Banken.

Da aber die von der Regulierung getriebenen Bankvorstände wesentlich risikoaverser geworden sind, hat man den Eigenhandel in den letzten Jahren gleich ganz abgeschafft. Das Ergebnis ist für die Finanzmärkte und insbesondere für den Rentenmarkt fatal: In den oberen Investmentgrade-Bereichen und bei europäischen Staatsanleihen dominiert(e) die EZB durch ihr Anleihen-Aufkaufprogramm das Marktgeschehen. In allen anderen Bereichen wird bei der Preisfindung mittlerweile „gewürfelt“. Die marktausgleichende Pufferfunktion bei übertriebenen Kursbewegungen gibt es nicht mehr.

Ein Beispiel: Der Solar- und Windkraftbetreiber Encavis hat eine nachrangige Wandelanleihe mit einem Zins 5,25% aus dem Jahr 2017 ausstehen. Immerhin handelt es sich bei der Anleihe um ein Volumen von 97,3 Mio. Euro. Die Umsätze in der Anleihe sind sehr gering, die Taxen sehr breit. Die Anleihe lag aber seit Ausgabe immer weit über pari. Im vierten Quartal 2018 sind sie die Taxen aber noch breiter geworden und stiegen zum Jahresultimo auf einen Rekordstand: 98,50 Geld zu 105,25 Brief. Eine Spanne, die noch größer als der attraktive Jahreskupon ist. In einem Rentenfonds bewertete man dieses Papier nur noch mit 98,70. Im Jahr davor lag der Kurs noch bei 105,65 Euro. Natürlich ist auch die Aktie von 6,48 Euro auf 5,45 Euro gefallen. Allerdings liegt der Wandlungspreis bei 7,45 Euro – auch bei einem Vergleich mit 6,48 Euro also meilenweit entfernt. In der vergangenen Woche wurden die Geschäftszahlen der Gesellschaft für 2018 veröffentlicht: Umsätze und Gewinne sind weiter gestiegen, die Dividende wird weiter erhöht. Wir wissen jetzt also auch im Nachhinein, dass fundamental alles in Ordnung war und es keinen Grund für Preisverwerfungen bei Aktien und Anleihe zum Jahresende 2018 gab. Aber niemand interessiert sich dafür. Eigentlich ein Königreich für den Eigenhandel einer Bank! Der Eigenhandel war immer eine der Königsdisziplinen und Kompetenzzentrum in einer Bank. Aber den gibt es nicht mehr, denn Politik, Regulierer und Öffentlichkeit haben Tomatensalat ohne Tomaten bestellt…

Im Endeffekt ist nach der Finanzkrise nichts richtig besser geworden, aber vieles schlechter, komplizierter und teurer. Eine Folge der Regulierung sind also auch zufallsbedingte Preisbewegungen bei Aktien und Anleihen. Diese sind jedoach auch schlecht fürs System: Marktversagen wegen Risikoaversion. Zwiebeln mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer ist ohne Tomaten eben schlecht verdaulich…

Thilo Müller, Geschäftsführer MB Fund Advisory GmbH

Titelfoto: pixabay.com

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