„Post-Wahl-Sondierungen, Turbulenzen durch Immobilienkonzerne und ESG-Investmentvorgaben“ – Kolumne von Marcel Ludwig

Freitag, 5. November 2021


Einblicke vom Börsenparkett von Marcel Ludwig, Walter Ludwig GmbH Wertpapierhandelsbank

Die Bundestagswahlen sind vorbei aber eine Regierung steht noch nicht fest. Viel deutet auf ein Ampel-Bündnis bestehend aus SPD, FDP und den GRÜNEN hin doch die endgültige Entscheidung wird sich wohl noch ein bisschen ziehen. Das Abwarten geht also weiter und die Finanzmärkte tappen nach wie vor auf der Stelle. Seit April 2021 dümpelt der deutsche Leitindex DAX zwischen etwa 15.000 und 16.000 Punkten hin und her. Alle kurzzeitigen Verluste wurden umgehend wieder ausgeglichen aber ein richtiger Durchbruch nach oben ist auch nicht mehr geglückt. Gleichzeitig herrschen aber allerorts große Inflationssorgen.

In Deutschland liegt die Inflationsrate laut Statistischem Bundesamt aktuell bei +4,1% Die Verbraucherpreise für Energie liegen sogar bei 14,3% und die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel bei 4,9%. Das sind schon beachtliche Teuerungsraten und global gesehen sind die Anstiege teilweise noch deutlich höher. Bei diesen Entwicklungen steht der Immobiliensektor besonders im Fokus. Zum einen sprechen immer mehr Marktkenner von einer großen Blase bei den derzeit aufgerufenen Preisen für Eigenheime und auf der anderen Seite geraten Unternehmen mit Fokus auf Immobilien zunehmend in die Schlagzeilen. Speziell in Deutschland ist das Thema hochpolitisch und so bleibt mit Spannung abzuwarten, wie und ob die künftige Regierung die Märkte reguliert. Ein Exempel wird gerade in China mit der China Evergrande Group statuiert. Es deutet aktuell vieles darauf hin, dass das stark verschuldete Unternehmen nicht vom Staat gerettet und seinem Schicksal überlassen wird. Tausende chinesische Privatinvestoren bangen um Geld und unter Umständen um das geplante Eigenheim. Kurzzeitig waren die Entwicklungen in China eine Art Initialzündung für eine zunehmende Angst an den Kapitalmärkten. Bonds von Immobilienkonzernen aus Asien, aber teilweise auch aus der ganzen Welt, kamen massiv unter Druck.

Auch im KMU-Bereich geht es heiß her. Der Immobilienkonzern Eyemaxx Real Estate AG hat überraschend angekündigt, dass er in Schwierigkeiten geraten ist und die Kuponzahlungen nicht leisten kann. Auch andere Gesellschaften wie beispielsweise VST Building Technologies kommen unter Druck. Der Bond reagierte an der Börse stark und rutschte nach unten ab. Die Gefahr, dass immer mehr Unternehmen der Branche (Schwergewichte wie Evergrande eingeschlossen) die jeweilige Verschuldung nicht mehr stemmen können, wird derzeit als extrem hoch angesehen. Gleichzeitig werden Investoren von der Inflationsangst an die Kapitalmärkte und vor allem auch in das Risiko getrieben. Das Ergebnis liegt dabei auf der Hand – immer wieder Rekordkurse an allen Märkten, die auf den ersten Blick auf Friede, Freude, Eierkuchen hin deuten.

ESG konforme Investments

Ein weiteres verbreitetes Thema sind ESG konforme Investments am Kapitalmarkt (dabei steht E für Environment, S für Social, G für Governance). Das Thema ist nicht neu, aber die Stimmen werden immer lauter, dass es zu einer verschärften Regulierung um „nachhaltige“ Investments kommen könnte. Im Prinzip geht es dabei um die Evaluierung der unternehmerischen Sozialverantwortung bei diversen Entscheidungen. Also eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jeden verantwortungsvollen Unternehmer. An den Finanzmärkten kann dieses Thema verschiedenste Arbeitsabläufe betreffen. Zum einen natürlich die Bewertung aller Stakeholder (Stichwort KYC-Prozess), aber auch die tatsächliche Investmententscheidung. Im Bereich der Anleihen geht es dabei vorrangig um sogenannte Green Bonds. Bereits im Jahr 2007 wurde von der Weltbank der erste Green Bond ausgegeben und seitdem nimmt das Emissionsvolumen von „grünen“ Anleihen sowie das Interesse der Investoren von Jahr zu Jahr stetig zu. Ebenso ansteigend ist aber auch die Kritik, die mit der Emittierung solcher Werte einhergeht. Im Mittelpunkt dabei steht die fehlende einheitliche Festlegung dessen, was tatsächlich „grün“ ist. Und aufgrund dieser fehlenden Vereinheitlichung steht der Verdacht des Greenwashing im Raum. Damit ist gemeint, dass Unternehmen geschickt PR-Methoden verwenden, die dem Unternehmen ein besonders umweltfreundliches oder auch verantwortungsbewusstes Image verleihen, ohne dass dies tatsächlich und substantiell der Realität entspricht (Etikettenschwindel). Zwar wird bei Anleihen der Zweck für die Mittelbeschaffung am Kapitalmarkt immer offengelegt, aber wo fängt dabei grünes Verhalten an und wo hört es auf. Sicherlich gibt es sehr lobenswerte Unternehmen und auch Projekte die tatsächlich die Umschreibung „grün“ oder „nachhaltig“ verdient haben, aber wie soll so etwas vergleichbar vereinheitlicht werden und wer soll die Kriterien festlegen?

Daher ist es auch umstritten, ob bestimmte ESG-Investment-Vorgaben sinnvoll sind oder ob dadurch erneut ein schwer nachvollziehbarer administrativer Mehraufwand erschaffen wird, der gleichzeitig professionelle Anleger bei ihren Möglichkeiten einschränkt und Privatanleger unter Umständen einmal mehr um Rendite bringen könnte. Die Opportunität von Anlegern in nachhaltige oder grüne Wertpapiere zu investieren, ist bereits heute gegeben. Der eine achtet dabei mehr auf die Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen und der andere achtet bei einem nachhaltigen Lebensstil mehr auf die eigene Ernährung oder das Herkunftsland seiner Nahrung. Es gibt verschiedenste Ansätze zu diesem Thema. Auch Fondsmanager machen diesbezüglich die jeweiligen Strategien publik. Es lohnt sich also bei jedem Investment sehr präzise hinzusehen und gut auszuloten, in welches Wertpapier investiert werden soll und welche Investments nicht vertreten werden können. Nicht jedes nicht nach ESG-Regeln getätigte Investment hat auch automatisch einen unredlichen Charakter und andersherum ist auch nicht jedes ESG konforme Investment aus allen Blickwinkeln betrachtet heraus redlich.    

Marcel Ludwig, Walter Ludwig GmbH Wertpapierhandelsbank

Hinweis: Die Kolumne erschien zunächst in unserem aktuellen Newsletter Anleihen Finder-November-01-2021. Registrieren Sie sich für unseren kostenlosen Newsletter und seien Sie stets informiert.

Titelfoto: pixabay.com

Portraitfoto: Marcel Ludwig, Walter Ludwig GmbH Wertpapierhandelsbank

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