„Sommerloch mit Corona-Krise“ – Kolumne von Marcel Ludwig

Freitag, 28. August 2020


Einblicke vom Börsenparkett von Marcel Ludwig, Walter Ludwig GmbH Wertpapierhandelsbank

Seit über fünf Monaten leben wir nun mit den massiven Auswirkungen der Corona-Krise und befinden uns derzeit am Ende des üblichen Sommerlochs. Ob die drastischen Maßnahmen wirklich gerechtfertigt waren oder ob der verhängte Lockdown langfristig viel größeren Schaden auslösen wird als ein möglicher stärkerer Virusausbruch, werden wir alle niemals erfahren. Fakt ist aber, dass wir in Deutschland bislang – den Umständen entsprechend – hervorragend durch diese Krise gekommen sind. Doch wie geht es jetzt mittelfristig an den Finanzmärkten weiter?

Nach den massiven Verwerfungen im März hat sich der deutsche Leitindex DAX kräftig erholt und stand zwischenzeitlich auch schon wieder bei über 13.300 (!) Punkten (nach etwa 8.200 im Low der Krise). Das sind gerade mal 500 Punkte unter dem Allzeithoch. Sind die Kurse viel zu schnell wieder nach oben gerannt oder war doch der Absturz einiger Papiere stark übertrieben? Das ist nun die Frage aller Fragen an den internationalen Finanzmärkten.

Die Politik hat mit ihrem beherzten Eingreifen und diversen Konjunkturprogrammen eine nie dagewesene Summe Geld in den Markt gegeben. Zudem gab beziehungsweise gibt es noch einige europäische Unterstützungsprogramme und nicht zu vergessen die EZB mit ihrem Rekord-Anleihen-Aufkaufprogramm. All das stützt natürlich den Markt und sorgt für (künstliche) Entlastung. Doch wie nachhaltig ist das? All diese Fragen treiben aktuell die Investoren um und sorgen damit nach wie vor für erhöhte Volatilität.

Turbulente Zeiten

Der Anleihenmarkt ist weiterhin turbulent. Bonds reagieren sehr sensibel auf alle News und unser tägliches Geschäft, die Preisfeststellung für Unternehmens- und Staatsanleihen in sämtlichen Währungen, stellt sich momentan als große Herausforderung dar. Dazu kam dann noch ein unglaublicher Finanzbetrug des DAX-Konzerns Wirecard. Zwar gab es einige Skeptiker und sehr gut informierte Journalisten, die bereits seit vielen Monaten auf die Praktiken der handelnden Personen hingewiesen haben, allerdings hat das Ausmaß dieses Skandals doch jegliche Vorstellungskraft überstiegen. Wie nach solchen Ereignissen üblich, werden nun die Schuldigen gesucht. Schnell wurde sich auf die BaFin und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (Ernst & Young) eingeschossen. Selbstverständlich muss man die einzelnen Arbeitsprozesse auf den Prüfstand stellen und auch kritische Fragen stellen. Trotzdem muss festgehalten werden, dass bei derartiger krimineller Energie und vorsätzlichem Betrug auch den prüfenden Personen und Institutionen nicht alles auffallen kann. Es ist also sehr fraglich, ob der von einigen Teilen der Oppositionspolitiker geforderte Aktionismus und die Umwälzung eines bis heute insgesamt sehr gut funktionierendem deutschen Aufsichtssystems wirklich den gewünschten Effekt erzielen würde.

Der Büroalltag bei Walter Ludwig ist nach wie vor unverändert – es herrscht höchste Vorsicht, um die Gesundheit aller Kolleginnen und Kollegen weiterhin zu schützen. Immer noch befinden sich einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice und auch die strikte räumliche Trennung der im Büro Anwesenden wird weiter gelebt. Die oft gestellte Frage – „Bis wann das noch so bleibe?“ – lässt sich derzeit schlicht und ergreifend nicht beantworten. Wir treffen unsere Entscheidungen im Monatsrhythmus und beobachten mit Sorge die möglicherweise auf uns zu rollende zweite Welle.

Habachtstellung

Die Finanzmärkte und allen voran der Anleihenmarkt sind derzeit wirklich sehr schwer einzuschätzen. Momentan fehlt es noch stärker an Liquidität als ohnehin schon. Dies liegt aber ausnahmsweise nicht an künstlichen Eingriffen, sondern viel mehr an der Tatsache, dass sich einige Händler derzeit noch im Sommerurlaub befinden. Die aktuelle Ruhe tut sowohl den Märkten als auch den handelnden Personen wirklich gut und gibt Zeit zum Durchatmen. Nicht wenige erwarten nämlich, dass es im letzten Drittel des Jahres noch mal zu größeren Verwerfungen kommen kann. Speziell im Bereich der Unternehmensanleihen könnte es zu einer größeren Insolvenzwelle kommen. Auch ein oft spekulierter zweiter Lockdown (derzeit wird davon ausgegangen, dass kältere Temperaturen die Virusverbreitung zusätzlich beschleunigen können) hätte dramatische Folgen für die Wirtschaft und Finanzwirtschaft. Es ist zwar eine abgedroschene Aussage, aber derzeit leben wir tatsächlich in „sehr unsicheren Zeiten“ und deshalb sind alle Kolleginnen und Kollegen bei der Walter Ludwig GmbH Wertpapierhandelsbank nach wie vor in höchster Habachtstellung.           

Marcel Ludwig, Walter Ludwig GmbH Wertpapierhandelsbank

Hinweis: Die Kolumne erschien zunächst in unseren kostenlosem Anleihen Finder-Newsletter August-2020-01.

Titelfoto: pixabay.com

Portraitfotos: Marcel Ludwig, Walter Ludwig GmbH Wertpapierhandelsbank

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