„Wir stehen vor einem auftragsbedingten Wachstumsschritt“ – Interview mit Dr. Andreas Aufschnaiter, Vorstand der MS Industrie AG

Mittwoch, 28. September 2022


Die MS Industrie AG hat eine fünfjährige Unternehmensanleihe mit einem Volumen von bis zu 20 Mio. Euro aufgelegt. Verzinst wird die Anleihe, die gegenwärtig ausschließlich institutionellen Investoren angeboten wird, jährlich mit 6,25%. Wir haben mit dem Vorstand der MS Industrie-Gruppe, Dr. Andreas Aufschnaiter, über das Geschäftsmodell, die aktuelle Entwicklung in der Maschinenbau-Branche und die Hintergründe der Anleihe-Emission gesprochen.

Anleihen Finder: Sehr geehrter Herr Dr. Aufschnaiter, stellen Sie uns das Geschäftsmodell der MS Industrie AG doch bitte kurz vor. Mit welchen Geschäftsfeldern verdienen Sie Ihr Geld und wie verteilen sich dabei die Umsätze?

Andreas Aufschnaiter: Als fokussierte Industrieholding steht die MS Industrie AG unternehmerisch auf zwei Beinen, welche zusammen aktuell rund 200 Mio. Euro Jahresumsatz erwirtschaften. Das Segment „MS Powertrain“ konzentriert sich bei einem Umsatzanteil von rund 65% auf die hochpräzise Bearbeitung von Metallkomponenten und -systemen, vor allem für schwere Nutzfahrzeuge sowie den Off-Highway Bereich. Das Segment „MS Ultrasonic“ stellt etwa 35% des Umsatzes dar und vereint langjährige Kompetenzen des Maschinenbaus mit innovativen Anwendungen der Ultraschalltechnik (industrielles Schweißen, Schneiden, Prägen, Stanzen und Siegeln).

Anleihen Finder: Inwiefern sind Ihre Geschäftsfelder zukunftsfähig und rentabel?

Andreas Aufschnaiter: In beiden Weltmarktnischen verfügen wir über eine relevante Wettbewerbsposition, als spezialisierter Serienlieferant im Bereich Powertrain sowie als größter Anbieter für Ultraschall-Sondermaschinen für die Automobilindustrie. Die Profitabilität erreichten wir – nach der Corona-Pandemie – bei Powertrain bereits wieder im Jahr 2021 und wir gehen davon aus, dass der Bereich Ultrasonic aufgrund stark gestiegener Auftragseingänge ab dem laufenden Jahr im Kerngeschäft wieder die Profitabilitätszone erreicht und die neu aufgebauten Technologiefelder (z.B. Serienmaschinen, Systeme für „Nonwovens“) im kommenden Jahr die Gewinnschwelle überschreiten. Hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit können wir einerseits auf die stetig steigenden Transportvolumina der Nutzfahrzeugindustrie und andererseits auf die Vorteile der Ultraschalltechnik, nämlich höchste Energieeffizienz für die Verarbeitung von recyclebaren Materialien, verweisen.

Anleihen Finder: Was ist der USP der MS Industrie AG? Warum setzen Sie sich im Technologie-Wettbewerb durch? 

„Wir sind `Single-Source`-Lieferant mit langjährigen Lieferbeziehungen“

Andreas Aufschnaiter: Ein wesentlicher USP besteht für gut zwei Drittel des Konzernumsatzes darin, dass wir ein sogenannter „Single-Source“-Lieferant sind, der mit vielen Kunden mehrjährige Lieferbeziehungen pflegt und innerhalb dieser Vertragslaufzeiten nicht durch andere Lieferanten ausgetauscht werden kann. Dies gibt uns eine erhebliche Visibilität jeweils für mehrere Jahre. Ergänzend verfügen wir im Bereich der Ultraschalltechnik über eine Reihe von eigenen Rechten und Patenten, welche unser technologisches Know-how entsprechend schützen. Der ständig steigende Anteil von recyclebaren Kunststoffen sorgt zudem für kontinuierlich wachsende Zielmärkte dieser nachhaltigen Schweißtechnologie.

Anleihen Finder: Der Kapitalmarkt ist kein Neuland für die MS Industrie-Gruppe. Die Gruppe war schon einmal mit der MS Spaichingen-Anleihe 2011/16 an der Börse vertreten. Warum haben Sie sich jetzt erneut für den Kapitalmarkt und eine Anleihe entschieden? Und wie haben Sie sich in der „Zwischenzeit“ finanziert?

Andreas Aufschnaiter: Die damalige Anleihe auf Ebene der operativen MS Spaichingen GmbH war tatsächlich eine mittelständische Erfolgsgeschichte im Kapitalmarkt, welche uns damals wesentlich dabei half, das stark wachsende Geschäft mit Ventiltrieben für den DAIMLER-Weltmotor HDEP zu finanzieren. Die Anschlussfinanzierung haben wir seit 2016 sehr gut mit unseren Hausbanken darstellen können. Unsere Gruppe steht nun wieder vor einem auftragsbedingten Wachstumsschritt (u.a. für die neue Motorplattform der gesamten TRATON-Gruppe), diesmal in beiden Geschäftsfeldern. Daher haben wir uns dazu entschieden, mit der bereits seit 2001 börsennotierten Holding als Emittentin aufzutreten. Als konsolidierte Gruppe erfüllen wir die Transparenzkriterien des Geregelten Marktes und verfügen über eine solide Eigenkapitalbasis in Höhe von über 70 Mio. Euro sowie – quasi als Reserve – über nicht betriebsnotwendige Immobilien, welche wir bei Bedarf veräußern und die Liquidität zur Entschuldung einsetzen können.

Anleihen Finder: Damals wurde die Anleihe öffentlich angeboten. Warum sprechen Sie sich jetzt gezielt institutionelle Investoren über eine Privatplatzierung an?

„Mit unseren beiden sehr speziellen strategischen Geschäftsfeldern MS Powertrain und MS Ultrasonic sind wir ein relativ erklärungsbedürftiges Unternehmen“

Andreas Aufschnaiter: Nach allen Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren im Kapitalmarkt für Small-Caps gesammelt haben, stoßen wir hauptsächlich bei gut informierten bzw. institutionellen Anlegern auf ein längerfristig ausgerichtetes Interesse. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass wir mit unseren beiden sehr speziellen strategischen Geschäftsfeldern MS Powertrain und MS Ultrasonic unter dem Dach der Holding doch ein relativ erklärungsbedürftiges Unternehmen sind. Ein Investor muss sich also die Zeit nehmen können, Chancen und Risiken unserer Gesamtaufstellung differenziert zu betrachten. Eine vereinfachende Zuordnung in die Automobilzulieferer-Branche greift schlichtweg zu kurz.

Anleihen Finder: Wofür sollen die bis zu 20 Mio. Euro konkret eingesetzt werden? Welche Investitionen planen Sie?

Andreas Aufschnaiter: Im Wesentlichen sollen die Anleihemittel zur Umschichtung unserer Finanzierung von kurz- auf langfristig eingesetzt werden. Diese Ausrichtung passt wesentlich besser zu unseren über viele Jahre laufenden Kundenaufträgen. Etwa ein Viertel der Anleihemittel soll hingegen eine Reserve für die Fortsetzung des organischen Wachstums sowie für interessante F&E-Projekte zur Verfügung stehen. Das umfangreiche Investitionsprojekt des laufenden Jahres, nämlich das der maschinellen Automatisierung im Bereich Powertrain, haben wir über klassische Mietkaufmodelle bereits finanziert. Hierfür sind die Anleihemittel nicht erforderlich.

Anleihen Finder: … und den jährlichen Zinskupon in Höhe von 6,25% können Sie aus dem operativen Cash Flow bedienen? Wie viel erwirtschaften (Umsatz, EBITDA, Cash Flow) Sie denn aktuell jährlich und wie gestaltet sich die operative Entwicklung der MS Industrie AG in den letzten Jahren?

„Wir konnten im ersten Halbjahr 2022 mit 10 Mio. Euro bereits das EBITDA des gesamten Vorjahres übertreffen“

Andreas Aufschnaiter: Nachdem das Jahr 2020 sowohl durch die Corona-Pandemie, als auch durch einige interne Umstrukturierungs- und Rationalisierungsmaßnahmen inkl. einer Standortschließung und der Veräußerung einer Beteiligung geprägt waren, verlief das Jahr 2021 mit rund 9 Mio. Euro EBITDA operativ schon wesentlich besser, war allerdings durch Lieferkettenprobleme und Chipmangel bei unseren Kunden im 3. Quartal stark gebremst worden, sodass wir noch bei einem bereinigten EAT von rund -2,5 Mio. Euro gelandet sind. Im laufenden Jahr 2022 gelingt uns ein über 20%iges Wachstum auf einen Konzernumsatz von rund 200 Mio. Euro und die Rückkehr in die Profitabilität. Wir konnten im ersten Halbjahr 2022 mit 10 Mio. Euro bereits das EBITDA des gesamten Vorjahres übertreffen. Wir gehen davon aus, dass sich das Umsatzwachstum fortsetzen wird und wir bei normalem Geschäfts- und Konjunkturverlauf in den kommenden Jahren EBITDAs von über 20 Mio. Euro p.a. erwarten können.

Anleihen Finder: Zudem nennen Sie – sozusagen als Sicherheit für die Anleger – die Möglichkeit des Verkaufs einer (nicht betriebsnotwendigen) Immobilie zur Tilgung der Anleihe. Um welche Immobilie handelt es sich dabei und welchen Wert hat diese?

Andreas Aufschnaiter: Wie vorhin schon angedeutet halten wir in der Gruppe insgesamt drei nicht betriebsnotwendige Immobilien, zwei davon in Deutschland und eine in den USA. Die US-Immobilie in der Nähe von Detroit/Michigan mit einem Wert von rund 12 Mio. USD ist langfristig bis 2029 vermietet, schuldenfrei und kann in den nächsten 3-4 Jahren veräußert werden. In den Anleihebedingungen verpflichten wir uns, daraus resultierende Veräußerungserlöse zu separieren und für die Rückzahlung der Anleihe zu reservieren bzw. einzusetzen. Dieser Mechanismus soll bewusst der Absicherung der Interessen der Anleiheinvestoren dienen. Hinzu kommt eine Mindesteigenkapitalquote von 30% und eine Limitierung bei Dividendenvorschlägen an die Hauptversammlung.

Hinweis: Dieses Interview erschien zunächst in der neuen Ausgabe des Anleihen Finder Newsletters (September-2-2022). Registrieren Sie sich hier für unseren kostenlosen Newsletter und seien Sie stets vorab informiert.

Anleihen Finder: Wie gestaltet sich gegenwärtig Ihre Auftragslage?

Andreas Aufschnaiter: Der zuletzt berichtete Auftragsbestand per Ende Juni 2022 betrug für beide Geschäftsbereiche zusammen rund 131 Mio. Euro und somit +26% über dem Stand Mitte des Vorjahres. Dabei berechnen wir für den Bereich Powertrain allerdings nur die Kundenabrufe der jeweils kommenden 6 Monate. Die Addition aller Kundenaufträge über deren gesamte Vertragslaufzeit ergibt mit konservativen Mengenannahmen einen Vertragsbestand allein für den Bereich Powertrain von rund 845 Mio. Euro.

Anleihen Finder: Welche Unternehmen und Branchen gehören zu Ihrem Kundenkreis? Wo sind Sie dabei geographisch hauptsächlich tätig?

Andreas Aufschnaiter: Wir beliefern in der Nutzfahrzeugindustrie große internationale Player wie Daimler Trucks, MAN und Scania; hinzu kommen Baumaschinenhersteller wie Liebherr, aber auch ausgewählte PKW-Hersteller für neue Antriebsformen (Elektro oder Hybrid) wie z.B. die Volkswagen-Gruppe über deren Lieferanten ZF Friedrichshafen. Im Bereich des Ultraschall-Sondermaschinenbaus zählen wir fast alle großen PKW-OEMs und deren First Tier Supplier zu unseren Kunden und zwar weltweit. In den Ultraschall-Technologiefeldern (Serienmaschinen, Systeme- und Komponenten) hat sich der Kundenkreis in den letzten Jahren stark ausgeweitet; dies reicht von der Verpackungsmaschinenindustrie über die Medizintechnik, Elektroindustrie, Consumer Goods bis hin zu Herstellern von Hygieneartikeln im neuen Geschäftsfeld des rotativen Verarbeitens von „Nonwovens“-Artikeln.

Anleihen Finder: Wie sind Sie (und auch Ihre Kunden) von den gegenwärtigen Krisenherden und deren Auswirkungen wie etwa Energiekosten-Steigerungen und Lieferketten-Probleme betroffen? Sind solide Finanzplanungen/Kalkulationen derzeit überhaupt möglich und mit welchen Maßnahmen „sichern“ Sie sich gegen diese externen Faktoren derzeit ab?

„Die größte Herausforderung stellt im Maschinenbau immer noch die Verfügbarkeit von klassischen Zukaufteilen dar“

Andreas Aufschnaiter: Die aktuellen Herausforderungen sind in der Tat vielfältig; bis dato gelang es unserer Mannschaft recht gut, diese im Tagesgeschäft zu meistern. Etwas konkreter: Wir sind überwiegend in der Lage, Preissteigerungen – bei Rohmaterialien wie auch bei Energieträgern – an unsere Kunden weiterzugeben. Im Bereich Powertrain unter anderem aufgrund der Single-Source Position und im Bereich Ultraschall auf Basis von Angebotskalkulationen, welche zumindest für jeden größeren Auftrag stets die aktuellsten Beschaffungspreise und Stundensätze berücksichtigen. Die größte Herausforderung stellt im Maschinenbau immer noch die Verfügbarkeit von klassischen Zukaufteilen (Steuerungen, Pneumatik, Ventile, Schalter etc.) dar. Eine Entspannung ist noch nicht absehbar, daher rechnen wir in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder mit der Verschiebung von Auslieferungsterminen für fertige Maschinen. Bilanziell wirkt sich das bei uns in Form von erhöhten Beständen an Halbfertigfabrikaten aus. Umsatz geht dabei zwar nicht verloren, rutscht allerdings teilweise in das nächste Jahr.

Anleihen Finder: Welche operativen und unternehmerischen Meilensteine sollen – auch mit Hilfe der Anleihe – in den kommenden Jahren erreicht werden?

Andreas Aufschnaiter: Die Schwerpunkte bzw. Meilensteine der nächsten Zeit sind: Die Vergrößerung der Produktionsfläche am Powertrain-Standort in Trossingen bis Ende des ersten Quartals 2023 um rund 3.600 qm; zeitgleich die Finalisierung der Automatisierung/Roboterisierung der Kleinteilefertigung an diesem Standort; die Bewältigung der vorgenannten Beschaffungssituation von Zukaufteilen; die Erreichung der Break-Even-Schwelle im Subsegment der Ultraschall-Serienmaschinen und die Akquisition eines ersten Großauftrags im Bereich „Nonwovens“; schließlich die deutlich längerfristige Ausrichtung unserer Gruppenfinanzierung zur Absicherung des fortgesetzten organischen Wachstums mit Hilfe der Anleihe.

Anleihen Finder: Herr Dr. Aufschnaiter, besten Dank für das Gespräch.

Hinweis: Die kapitalmarktseitige Begleitung der Anleihe-Emission erfolgt durch die mwb fairtrade Wertpapierhandelsbank AG.

Anleihen Finder Redaktion.

Foto: pixabay.com (Symbolbild)

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Unternehmensanleihe der Maschinenfabrik Spaichingen GmbH 2011/2016

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