„Der Schlüssel ist und bleibt die Transferpolitik“ – Interview mit HSV-Finanzvorstand Frank Wettstein

Donnerstag, 14. März 2019


Der Fußball-Traditionsverein Hamburger SV muss in diesem Jahr seine siebenjährige Jubiläums-Anleihe mit einem Gesamtvolumen von 17,5 Mio. Euro aus dem Jahr 2012 zurückzahlen. Für die Refinanzierung hat der HSV eine neue Anleihe mit denselben Konditionen aufgelegt, die nach einem Umtauschangebot an die Altanleger nun auch öffentlich angeboten wird. Die Anleihen Finder Redaktion hat mit Frank Wettstein, dem Finanzvorstand des HSV, über die neue Anleihe, die Hintergründe der Emission und die finanzielle Situation des Hamburger SV gesprochen.

Anleihen Finder: Hallo Herr Wettstein, der HSV bietet Investoren derzeit eine 6,00%-Anleihe mit siebenjähriger Laufzeit an, die vollends der Refinanzierung der Jubiläumsanleihe aus dem Jahr 2012 dient. Warum haben Sie sich diesbezüglich wieder für die Begebung einer Anleihe entschieden?

Frank Wettstein: Bei der Jubiläums-Anleihe von 2012 hat der HSV mit mehr als 6.000 Zeichnern einen großen Zuspruch erfahren. Daher haben wir uns entschlossen, zielgerichtet diesen Fans, Mitgliedern und Anlegern wieder ein attraktives Angebot zu unterbreiten. So war die Emission der HSV-Anleihe 2019/26 die naheliegende Entscheidung für die Refinanzierung.

INFO: Der Wertpapierprospekt der neuen HSV-Anleihe 2019/26 kann hier eingesehen werden

Anleihen Finder: Die Altanleger haben beim vorgelagerten Umtauschangebot rd. 7,4 Mio. Euro gezeichnet. Die neue HSV-Anleihe 2019/26 hat ein maximales Gesamtvolumenvon 17,5 Mio. Euro – wie ist der aktuelle Platzierungsstand? Mit welchen Mitteln können Sie die Rückzahlung der 2012er Jubiläums-Anleihe bedienen, wenn eine Vollplatzierung bis Mitte April nicht erreicht wird?

„Haben uns Refinanzierungs-Reserven geschaffen“

Frank Wettstein: Fest platziert haben wir rd. 12 Millionen Euro und darüber hinaus noch einige Zusagen, die noch einzubuchen sind. Die Rückzahlung der Jubiläums-Anleihe haben wir bereits im Lizenzierungsverfahren für die kommende Saison nachzuweisen und damit schon vor dem planmäßigen Ende der Zeichnungsfrist. Daher haben wir uns Reserven und Finanzierungsoptionen geschaffen, die wir dann aktivieren können, wenn das platzierte Volumen nicht ausreichen sollte.

Anleihen Finder: Können Sie uns die Einnahmen-Struktur/Verteilung beim Hamburger SV darstellen?

Frank Wettstein (Vorstand Finanzen Hamburger SV) Credit: HSV/Witters

Frank Wettstein: Die HSV Fußball AG hat drei wesentliche Erlösquellen. Das ist zum einen der Spielbetrieb, hierunter fallen die Erlöse im Zusammenhang mit Heimspielen im Ligaspielbetrieb und bei Pokalwettbewerben. Dazu kommen die Erlöse aus unseren Sponsoring- und Businesspartnerschaften, angefangen vom Hauptsponsor Emirates, unserem Ausrüster Adidas über die weiteren Exklusiv-Partner bis hin zu den Hospitality-Gästen. Die dritte wesentliche Säule liegt in den Erlösen aus der Verwertung der Medienrechte. Mit den weiteren Erlösen aus zum Beispiel Merchandising oder Drittveranstaltungen im Volksparkstadion und den stark volatilen Transfererlösen erreichen wir in dieser Saison knapp 105 Millionen Euro Umsatz. Bei einer Zugehörigkeit zur 1. Fußball-Bundesliga erhöhen sich diese um mehr als 30 Prozent vorbehaltlich besonderer Transfererlöse. Die Beiträge der mittlerweile mehr als 87.000 Mitglieder fließen im Übrigen dem Hamburger Sport-Verein e.V. zu und sind in den Umsatzerlösen nicht enthalten.

Anleihen Finder: Der HSV spielt derzeit in der 2. Fußball-Bundesliga, ist dort großer Mit-Favorit auf den Aufstieg. Inwiefern würde ein Aufstieg die finanzielle Situation des HSV verbessern – können Sie uns da eine Einordnung bzw. Unterschiede zwischen 1. und 2. Bundesliga nennen?

„Der Hebel für das operative Geschäft ergibt sich über die Transferaktivitäten“

Frank Wettstein: Den sicheren 30 Millionen Euro Mehrerlösen in der 1. Bundesliga, davon entfallen alleine knapp 20 Millionen Euro auf die Medienrechte, stehen auch Mehraufwendungen im Bereich der Spielergehälter, für Provisionen und weitere variable Kosten gegenüber. Der Hebel für das operative Geschäft ergibt sich indes über die Transferaktivitäten. Der Lizenzkader eines Bundes­ligisten hat einen höheren Wert als der eines Zweitligisten. So kann es deutlich leichter fallen, eine mindestens ausgeglichene Transferbilanz zu erwirtschaften. Die Jahresergebnisse des HSV in der Vergangenheit sind in erster Linie den hohen Abschreibungen auf Spielernutzungsrechte geschuldet, denen keine ausreichenden Transfererlöse aus dem Abgang von Lizenzspielern gegenüberstanden. Zukünftig werden wir daher, wie auch in der laufenden Saison bereits geschehen, dann auf Leih­möglichkeiten zurückgreifen, wenn ansonsten die Transferbilanz nicht aufgeht. Das wäre für einen Aufsteiger in die 1. Bundesliga auch angemessen.

Anleihen Finder: Sind die jährlichen Zinszahlungen sowie die Rückzahlung der HSV-Anleihe 2019/26 auch bei durchgehender Zweitklassigkeit (2. Bundesliga) gewährleistet?

Frank Wettstein: Ja, da sehe ich jetzt keine Hinweise, warum die Bedienung gefährdet sein sollte. Der HSV bedient Anleihen, während andere Clubs Stadionmieten in vergleichbarer Höhe zahlen. Es wären dann immer noch ausreichend Mittel vorhanden, um einen wettbewerbsfähigen Kader zu unterhalten. Der Schlüssel bleibt die Transferpolitik, die wir glücklicherweise selbst in der Hand haben.

Credit: Thorsten Wagner Photography

Anleihen Finder: Welche Sicherheiten kann der HSV seinen Anleihegläubigern bieten? Welche Rolle spielt  dabei das Volksparkstadion?

Frank Wettstein: Die HSV-Anleihe ist unbesichert. Alles andere wäre auch nicht praktikabel. Auf dem Stadion lasten aktuell Grundschulden von 32 Millionen Euro mit fallender Tendenz bei einem ge­schätzten Wert von mindestens 100 Millionen Euro. Wenn dieses Verhältnis so bleibt, und das ist unser Bestreben, dann bietet diese Tatsache eine gewisse Form der Sicherheit. Und mit Blick auf die Europameisterschaft 2024 und unserem Stadion als Spielstandort werden wir noch die eine oder andere werterhöhende Maßnahme im Stadion durchführen. Aber genau so sicher ist auch, dass dieses Stadion in der 1. oder 2. Bundesliga genutzt werden muss.

Anleihen Finder: Können Sie uns die Entwicklung der wichtigsten Finanzkennzahlen (Umsatz, EBITDA, Cashflow, Verschuldung) des HSV in den letzten drei Jahren nennen?

Frank Wettstein: Neben dem Umsatz ist die wesentliche Steuerungsgröße das EBITDA. Mit über 133 Millionen Umsatz haben wir im vergangenen Geschäftsjahr etwa 10 Millionen Euro mehr erwirt­schaftet als in den Jahren zuvor. Diese Entwicklung ist zu gut 75 % auf die Vergabe der Bundesliga­medienrechte zurückzuführen. Das EBITDA lag in der abgelaufenen Saison bei über 40 Millionen Euro, in den beiden Geschäftsjahren zuvor noch bei knapp unter 20 Millionen Euro. Die Abschreibun­gen auf Spielerwerte müssen meines Erachtens gesondert betrachtet werden. Durch Leihgeschäfte oder die Verpflichtung ablösefreier Spieler lassen sich Kennzahlen nach Abschreibungen schnell korrigieren, wenngleich die Clubs dann aber möglicherweise auf zukünftige Transfererlöse verzichten.

Die Finanzschulden betrugen zum letzten Abschlussstichtag rd. 62 Millionen Euro, das Eigenkapital konnte in den vergangenen beiden Geschäftsjahren um 13 Millionen Euro auf 49 Millionen Euro trotz der erwirtschafteten Jahresergebnisse erhöht werden. Zugeflossen sind der HSV Fußball AG dabei rund 33 Millionen Euro aus Kapitalerhöhungen, die überwiegend für Investitionen in neue Spieler verwendet wurden. Dazu wurden dem HSV für Transferausgaben und Spielergehälter Darlehen gewährt, die allerdings nur unter Bedingungen, nämlich bei Teilnahme an internationalen Wettbewerben während einer festen Laufzeit, zurückgezahlt werden müssen. Daher sind bei der Abgrenzung der Cash Flows, so methodisch korrekt dies sein mag, inhaltliche Klarstellungen erforderlich.

„Können ratierliche Tilgungen aus dem operativen Cash Flow bedienen“

Anleihen Finder: Neben der neuerlichen Anleihe hat der HSV in 2016 auch ein Schuldscheindarlehen in Höhe von 40 Mio. Euro platziert. Zudem müssen noch Investoren bedient werden. Wie sollen die Verbindlichkeiten in den kommenden Jahren abgebaut werden?

Frank Wettstein: Mit dem Schuldscheindarlehen, welches bereits auf 32 Millionen Euro getilgt wurde, und den beiden Anleihen mit insgesamt 18 Millionen Euro, sind die wesentlichen Finanzschulden abschließend benannt. Für diese 50 Millionen Euro sind ratierliche Tilgungen vereinbart, die der Club ohne neue Verschuldung, sondern aus dem operativen Cash Flow bedienen kann. Dazu haben wir uns auch Sondertilgungsmöglichkeiten einräumen lassen. Aus früheren Darlehensvereinbarungen bestehen lediglich Besserungsscheine, aber keine wesentlichen planmäßigen Zins-oder Tilgungsverpflichtungen. Wenn der jeweilige Besserungsfall eintritt, dann können diese Verpflichtungen auch aus dem operativen Cash Flow bedient werden.

Anleihen Finder: Immer wieder wird in der Presse vom Abhängigkeitsverhältnis des HSV von Großinvestor Klaus-Michael Kühne gesprochen. Klären Sie uns und unsere Leser auf: Inwieweit ist diese Abhängigkeit gegeben und inwieweit ist der HSV auch ohne Herr Kühne in der Lage wettbewerbsfähig zu sein?

„Bei einer zukünftig ausgeglichenen Transferbilanz bestünden keine Notwendigkeiten, zusätzliche Finanzmittel zu beschaffen“

Frank Wettstein: Herr Kühne ist nach dem Hamburger Sportverein e.V. der zweitgrößte Anteilseigner der HSV Fußball AG und zudem bekennender HSV-Fan. Herr Kühne hat in der Vergangenheit dem HSV häufig sehr wohlwollend geholfen, wenn zusätzliche Mittel für Transfers von der sportlichen Leitung gewünscht wurden und wir solche Vereinbarungen schließen konnten, die uns zukünftig eben nicht in eine Abhängigkeit führen. Bei einer zukünftig ausgeglichenen Transferbilanz bestünden keine Notwendigkeiten, zusätzliche Finanzmittel zu beschaffen. Herr Kühne wäre nicht minder begeistert, wenn der Club ohne große Transfers sportlich erfolgreich ist.

Credit: Thorsten Wagner Photography

Anleihen Finder: Bald stehen wieder Lizenzprüfungen der DFL für die Fußball-Bundesligisten an. Muss der HSV dabei wieder mit bestimmten Auflagen/Bedingungen rechnen?

Frank Wettstein: Zur Klarstellung: Im vergangenen Jahr gab es weder Auflagen noch Bedingungen, auch nicht für die 2. Bundesliga. Das wünschen wir uns in diesem Jahr auch und sind darauf vorbereitet. Sollte es dann wider Erwarten doch anders kommen, würden wir die auferlegten Bedingungen und Auflagen wie andere Clubs frist- und inhaltsgerecht bedienen. Weitere Konsequenzen bestehen nicht.

Anleihen Finder: Die Jubiläumsanleihe aus 2012 sollte ursprünglich zum Bau des HSV-Campus verwendet werden – wurde sie aber nicht, sondern für Tilgungen. Sicherlich ein Vertrauensbruch für viele Investoren. Wie wollen Sie dieses Vertrauen zurückgewinnen?

„Transparenz halte ich für zwingend notwendig, um Vertrauen zu gewinnen“

Frank Wettstein: Die damaligen Verantwortlichen haben sich die Entscheidung bestimmt nicht leicht gemachtund ganz sicher auch nicht mit Vorsatz gehandelt. Die Situation um den HSV war schwierig, wahrscheinlich deutlich prekärer als in den Zeiten danach. Dennoch oder gerade deswegen haben diese Entscheider dann auch für die Realisierung des Campus-Projektes gekämpft, wohl auch, weil sie neben der unternehmerischen Notwendigkeit die Verantwortung gegenüber den Anlegern gespürt haben. Die aktuell Verantwortlichen haben sich die Schaffung von Transparenz gegenüber Fans, Mitgliedern und jetzt auch Anlegern auf die Agenda geschrieben. Bei kaum einem anderen Bundesligisten kommt man schneller an aussagekräftige Jahresabschlüsse und muss nicht noch Nebenrechnungen auf Grund von Konzerngeflechten anstellen. Wir haben vor einigen Jahren bereits die Strukturen bereinigt und vereinfacht. Transparenz halte ich für zwingend notwendig, um Vertrauen zu gewinnen.

Anleihen Finder: In den Hamburger Medien wurde der Wertpapierprospekt zur neuen Anleihe aufgrund des rechtlich verbindlichen Hinweises auf einen möglichen Insolvenzfall zum Anlass für wüste Schlagzeilen genommen. Was entgegnen Sie dem?

Frank Wettstein: Die Schlagzeilen kenne ich ja seit Jahren, es sind übrigens nicht alle und nicht ausschließlich Hamburger Medien. Das wird auch noch ein paar Jahre anhalten, selbst wenn wir weiter planmäßig die Verschuldung reduzieren. Immer wenn die Zeitumstellung naht, dann kommen solche Meldungen im Zusammenhang mit dem Jahresabschluss im Oktober oder dem Lizenzantrag im März. Womöglich führt die anstehende Abschaffung der Sommerzeit auch zum Abklingen derartiger Schlagzeilen. Noch schlimmer fände ich übrigens, wenn gar nicht mehr über den HSV berichtet würde. Dann müssten wir uns ernsthafte Sorgen machen.

Anleihen Finder: Zum Abschluss noch Ihr Plädoyer: Warum sollten Investoren – auch solche, die keine HSV-Fans sind – dem Hamburger Sportverein ihr Geld anvertrauen?

Frank Wettstein: Ich plädiere dafür, dass HSV-Fans und interessierte Kapitalanleger sich mit der Anleihe, ihren Chancen und Risiken auseinandersetzen. Die HSV-Anleihe 2019/26 ist bewusst transparent und leicht verständlich konzipiert. Dafür haben wir alle notwendigen Informationen veröffentlicht und stehen für Rückfragen jederzeit zur Verfügung. Mit dem Erwerb der Anleihe können die Anleger die Zukunft des oder eben ihres HSV ein Stück weit mitgestalten. Ich selbst halte die Ausgestaltung der Anleihe für überzeugend und attraktiv. Die Anlageentscheidung trifft aber jede und jeder Einzelne.

Anleihen Finder: Herr Wettstein, besten Dank für das Gespräch.

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Anleihen Finder Redaktion.

Titelfoto: Thorsten Wagner Photography

Anleihen Finder Datenbank

Fan-Anleihe Hamburger Sport-Verein e.V. 2012/2019

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