„Die Börse für den Mittelstand ist in München“ – Interview mit Dr. Marc Feiler, Bayerische Börse AG

Dienstag, 2. April 2019


Seit dem Jahr 2005 betreibt die Börse München mit m:access ein sehr erfolgreiches Qualitätssegment für den deutschen Mittelstand. Die Anleihen Finder Redaktion hat sich mit Dr. Marc Feiler, der seit dem vergangenen Jahr zur Geschäftsführung der Münchner Börse gehört, über die aktuelle Situation am Handelsplatz München unterhalten.

Anleihen Finder Redaktion: Sehr geehrter Herr Dr. Feiler, die Börse München konnte im letzten Jahr wieder einige Unternehmen für das Mittelstandssegment m:access gewinnen. Wie sind Sie aktuell mit der Entwicklung des Segmentes und generell mit der Entwicklung der Börse München zufrieden?

Dr. Marc Feiler: Mit mehr als 60 Unternehmen haben wir uns als die deutsche Börse für den Mittelstand bestens bewährt. Wir konnten im vergangenen Jahr insgesamt neun Unternehmen neu hinzugewinnen. Der Erfolg von m:access zeigt sich auch daran, wie die Gesellschaften den Kapitalmarkt nach ihrem Börsengang für die Unternehmensfinanzierung nutzen. Und da haben m:access-Unternehmen in 2018 zwölf Kapitalerhöhungen im Gesamtvolumen von EUR 160 Mio. erfolgreich durchgeführt. Für 2019 sind wir optimistisch und gehen von einem weiteren Wachstum aus. Unser Zeichnungstool ist schon fest für diverse Transaktionen reserviert. Auch die Börse München insgesamt ist auf einem guten Weg und konnte im letzten Jahr einen deutlichen Umsatzzuwachs verzeichnen. Mit unserem zusätzlichen Handelsplatz gettex und dem Handel verbriefter Derivate sind wir breit aufgestellt und bieten für unterschiedliche Kundengruppen attraktive Lösungen.

Dr. Marc Feiler, Geschäftsführer Bayerische Börse AG

Anleihen Finder Redaktion: Was sind die Ziele der Münchner Börse für dieses und die kommenden Jahre in Bezug auf IPOs, IBOs und vllt. auch ICOs?

Dr. Marc Feiler: Für die Finanzierung bestehender Unternehmen halten wir ICOs (noch) nicht für geeignet. Ob die angekündigte Regulierung der „Kryptowelt“ daran etwas ändert, werden wir sehen. Aus voller Überzeugung setzen wir auf den etablierten Kapitalmarkt. Hier werden wir weiter attraktive Angebote für KMUs bereithalten, Investorenzugang vermitteln und mit dem Zeichnungstool größtmögliche Prozesssicherheit im Primärmarkt gewährleisten. Das Segment m:access wird das stetige Wachstum weiter fortsetzen – und zwar ohne flankierende steuerliche Unterstützung und Anreize für Investoren, wie das in anderen europäischen Ländern, etwa beim boomenden AIM Italia in Mailand der Fall ist.

„Wir haben ein gut geschnürtes Paket“

Anleihen Finder Redaktion: Sie wollen also auch in Zukunft weiter KMU-Anleiheemittenten nach München holen. Was bietet die Börse München diesen Emittenten für Vorteile? Was kann die Börse München leisten, was andere Börsen vielleicht nicht können?

Dr. Marc Feiler: Die Börse München bietet auf jeden Fall eine interessante, im Übrigen auch kostengünstigere Alternative an. Wir haben ein gut geschnürtes Paket aus technischer Zeichnungsfunktionalität und flankierenden unterstützenden Dienstleistungen. Die Wege sind kurz, die Hierarchien flach und kapitalkräftige (Retail-) Investoren in München vorhanden. Eine entscheidende Rolle spielen die Emissionsbegleiter, welche die Unternehmen an die Börse bringen, institutionell platzieren und die Auswahl des jeweiligen Börsenplatzes mitbestimmen. Wir binden die Emissionsbegleiter sehr eng ein, beispielsweise über gemeinsame Workshops und aber auch durch ihre Mitwirkung in unseren Gremien wie dem Börsenrat oder dem Freiverkehrsausschuss. Insgesamt sind wir selbst eine mittelständisch organisierte Börse und kennen deshalb die Bedürfnisse des Mittelstandes sehr genau.

„An erster Stelle steht nach wie vor eine schlüssige Bond Story“

Anleihen Finder Redaktion: Was müssen (Anleihen-)Emittenten heutzutage leisten, um erfolgreich zu sein?

Dr. Marc Feiler: Im Prinzip haben sich die regulatorischen Anforderungen nicht wesentlich verändert. Anleger schauen aber zu recht genauer hin, bevor sie investieren. An erster Stelle steht nach wie vor eine schlüssige „Bond Story“, vor allem eine für Anleger nachvollziehbare und sinnvolle Verwendung des eingeworbenen Kapitals. Neben der finanziellen Solidität des Emittenten zählen eine offene und zeitnahe Kommunikation vor und auch nach der Emission zu den wesentlichen Voraussetzungen für den Erfolg am Kapitalmarkt. Dafür müssen in dem Unternehmen selbst die notwendigen Ressourcen geschaffen werden. Um eine transparente und kapitalmarktfähige Kommunikation sicherzustellen, müssen die Emissionsbegleiter bei m:access während der gesamten Anleihelaufzeit an Bord bleiben.

Anleihen Finder Redaktion: Welche Erwartungen haben Sie generell an den KMU-Anleihenmarkt in diesem Jahr? Wird es nach den Krisenjahren 2016 und 2017 weiter „aufwärts“ gehen und die Qualität am Markt steigen?

Dr. Marc Feiler: Davon gehen wir aus. Das Instrument der KMU-Anleihe ist nach wie vor ein sinnvoller Baustein in der Unternehmens- und Projektfinanzierung und kann für Investoren attraktive Renditen liefern. Der Markt ist nach den Verwerfungen um die „Mittelstandsanleihen“ deutlich reifer und professioneller aufgestellt. Dass institutionelle Fondsanbieter, die gezielt in KMU-Anleihen investieren, kräftig wachsen, ist ein gutes Zeichen.

Anleihen Finder Redaktion: Werden wir wieder allgemeiner: Das letzte Quartal des Vorjahres war an den Kapitalmärkten äußerst turbulent. Was waren Ihrer Meinung nach die ausschlaggebenden Gründe dafür? Und wie bewerten Sie die derzeitige aktuelle Situation?

Dr. Marc Feiler: Nun, die Gründe waren vielfältig und sind ja nur zu gut bekannt: Zum einen war es die Politik, die alles andere als Rückenwind für die Kapitalmärkte brachte, denken Sie nur an den Brexit oder die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China. Zusätzlich bestehen Probleme in den großen EU-Staaten Italien und Frankreich sowie eine verbreitete Skepsis bei Unternehmen und Volkswirten über die Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft, speziell auch in China. Hinzu kamen dann noch einige Branchen mit oftmals hausgemachten Problemen, ich erinnere nur an die Automobilindustrie. Alles in allem ist es aber so, dass an keinen dieser Problemkreise bereits ein Haken gemacht werden könnte, im Gegenteil werden die Probleme nur aufgeschoben. Insofern unterscheidet sich die Situation derzeit nicht grundlegend von Ende 2018 und man sieht ja auch, dass etwa bei Börsengängen derzeit Ruhe herrscht. Sollten sich einige der Probleme lösen, könnte das zu einem Schub an den Märkten führen und das Klima für Börsengänge und Anleiheemission wieder deutlich verbessern.

„Die Politik beeinflusst Börsen immer so lange, bis Lösungen auf den Tisch kommen“

Anleihen Finder Redaktion: Haben „politische Börsen“ tatsächlich kurze Beine?

Dr. Marc Feiler: In der Regel schon, nur, das zeigte meine Antwort auf ihre vorige Frage, sie werden derzeit immer wieder lang gezogen! Die Politik beeinflusst Börsen immer so lange, bis Lösungen auf den Tisch kommen – da ist es dann schon fast egal, ob diese gut oder schlecht sind, Hauptsache die bestehenden Unsicherheiten sind beseitigt.

Anleihen Finder Redaktion: Ein Thema, das in den Medien oft zu kurz kommt, derzeit bei Kurschwankungen aber mehr Einfluss denn je hat, sind die Börsen-Algorithmen. Die FAZ hatte es einmal so erklärt: „Die Börse von heute ist eine Maschine, die mit Maschinen kommuniziert“. Können Sie diesbezüglich etwas Licht ins Dunkel bringen. Was geschieht da genau? Inwiefern bestimmen Computer und Programme die Kurse?

Dr. Marc Feiler: Wir haben ein Börsensystem, das Mensch und Maschine verbindet und nicht von Algorithmen determiniert ist. Sie haben aber natürlich Recht, dass viele der großen, global agierenden Investoren ihre Anlageentscheidungen von Algorithmen bestimmen lassen, die in Bruchteilen von Sekunden Informationen einspeisen, verarbeiten und danach entscheiden. In der extremen Ausprägung führt die zu einem Hochfrequenzhandel und Ordertransaktionen im Mikrosekundenbereich. Diese technisch hochgerüstete und risikoanfällige Handelstechnik spielt für die Börse München und Wertpapiere von KMUs keine Rolle. Hochfrequenzhandel kann nur in hochliquiden Gattungen und vollautomatischen Matching-Systemen funktionieren. Unser Marktmodell lässt dies nicht zu und schützt damit insbesondere den Privatanleger.

Anleihen Finder Redaktion: Inwiefern ist eine Börse im digitalen Zeitalter von High-Speed-Tradern noch selbstbestimmend und zweckerfüllend?

Dr. Marc Feiler: Ein „High-Speed-Trader“ ist in meinen Augen kein Anleger oder Investor, der Unternehmen Kapital zur Verfügung stellt. Eine Börse gibt sich durch ihr Marktmodell, ihr Regelwerk und die handelbaren Wertpapiere ein Profil, welches durch die Handelsteilnehmer geschärft wird. Uns geht es darum, professionellen Investoren und Privatanlegern ein breites Wertpapieruniversum anzubieten, den Handel zu attraktiven Konditionen und in hoher Qualität abzuwickeln und größte Prozesssicherheit zu gewährleisten. Anleger sollen in diesen zinslosen Zeiten ihr Kapital vernünftig vermehren und beispielsweise für das Alter vorsorgen können. Für Hochfrequenzhändler gibt es Börsen, die es ihnen gestatten, ihre Rechner direkt im börslichen Rechenzentrum aufzubauen, um jegliche Latenzzeiten zu eliminieren. Unser Fokus liegt an anderer Stelle.

Anleihen Finder Redaktion: Zu einem anderen Thema: Erst kürzlich sind Sie in den Vorstand des Interessenverbandes Kapitalmarkt KMU gewählt worden. Welche Ziele verfolgt der Verband und warum ist er für KMUs so wichtig?

„So manche Regulierungsmaßnahmen gehen an den Realitäten des Mittelstandes vorbei“

Dr. Marc Feiler: Als Börse für den Mittelstand wollen wir die Rahmenbedingungen der Kapitalmarktfinanzierung für kleinere und mittlere Unternehmen in Deutschland verbessern. Der Gesetzgeber in der EU, aber auch national, neigt dazu, Gesetzesinitiativen eher an Dax-Konzernen auszurichten als sich mit den spezifischen Problemen des Mittelstandes auseinanderzusetzen. So manche Regulierungsmaßnahmen gehen deshalb an den Realitäten des Mittelstandes vorbei. Zugleich fehlte den börsennotierten mittelständischen Unternehmen bisher ein adäquates Sprachrohr, dies will der neue Interessenverband Kapitalmarkt KMU nun leisten und das unterstützen wir sehr gerne mit unseren Möglichkeiten.

Anleihen Finder Redaktion: Warum würden Sie kapitalmarkt-orientierten mittelständischen Unternehmen empfehlen, dem Verband beizutreten?

Dr. Marc Feiler: Nun, es ist wie bei jedem Verband, je mehr Mitglieder hinter ihm stehen, desto größer ist sein Gewicht bei Politik und auch die Aufmerksamkeit bei den Medien. Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft und wird gerne in Sonntagsreden zitiert. Damit der Zugang zum Kapitalmarkt und zu Investoren von Montag bis Freitag verbessert wird und nicht nur großen Konzernen vorbehalten ist, müssen sich die KMUs zusammenschließen. Nicht zuletzt profitieren sie auch vom regen Austausch innerhalb des Verbands über die sie betreffenden, spezifischen Themen.

Anleihen Finder Redaktion: Abschließend noch die Frage: Welche Headline würden Sie in naher Zukunft gerne über die Börse München lesen?

Dr. Marc Feiler: „Die Börse für den Mittelstand ist in München“, ist schon heute richtig!

Anleihen Finder Redaktion: Besten Dank für das Gespräch Herr Dr. Feiler.

Das Interview führte Timm Henecker, Anleihen Finder Redaktion.

Portraitbild: Dr. Marc Feiler, Bayerische Börse AG

Titelbild und Beitragsfoto: pixabay.com

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