Das Jahr am Bondmarkt – Höhen, Tiefen und kein sicherer Hafen

Dienstag, 29. November 2022


Kommentar von Dirk Schneider, Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank

Noch im Januar dachten wir alle, jetzt ist es geschafft. Zwei Jahre Corona-Pandemie lagen hinter uns und es sollte die Zeit der Erholung beginnen. Aber es kam anders … Nach jahrelanger Niedrigzinsphase erinnert sich noch jeder an das Zitat von Warren Buffett „Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer ohne Badehose schwimmen gegangen ist.“ Es dauerte nicht Lange und es kam die Flut mit einem direkt darauffolgenden Hurricane, dem russischen Angriff auf die Ukraine am Morgen des 24. Februar 2022.

Die Stimmung an den Finanzmärkten war schlecht wie nie zuvor. Kein Wunder angesichts steigender Energiepreise, Probleme mit Lieferketten und hoher Inflation. Es begann die Zinswende in den USA und im Anschluss auch in Europa. Die Folge war ein historisch schwaches erstes Quartal an den Anleihemärkten. Von jetzt an war klar, es ist wichtig immer genug Abstand zur Hafenkante zu haben.

Geldpolitik

Die EZB entschloss sich innerhalb von sechs Monaten zu drei Zinserhöhungen von insgesamt 200 Basispunkten, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Demgegenüber stand die ständige Angst einer Rezession, denn die Zinsentwicklung entscheidet nun mal darüber, ob die Wirtschaft weiterwächst oder das Wachstum ausgebremst wird. Aktuell siehst es so aus, dass die Zentralbanken noch einen weiteren Zinsschritt für 2022 planen. An den aktuellen Zinskurven lassen sich aber auch schon eingepreiste Zinssenkungen für 2023 und 2024 erkennen. Dies ist jedoch noch keine Zinswende.

Die Geldpolitik der Notenbanken zeigt aktuell indes nur wenig bis gar keine Wirkung. Im Euroraum liegt die Inflationsvorhersage für 2022 bei ca. 8,5 % und die Prognosse für 2023 wurde zuletzt auf 7,5 % angehoben. Alles in allem also kein gutes Szenario für Investoren. Die Unsicherheit bleibt groß. Aber die Börsen-Spezialisten wissen auch, gerade wenn die Stimmung am Kapitalmarkt am Boden ist, dann ist es der richtige Zeitpunkt einzusteigen.

KMU-Anleihen

Für Anleiheemittenten, speziell im KMU-Marktsegment, sieht das etwas anders aus. Der massive Zinsanstieg erschwert die Emission neuer Anleihen. Es bleibt interessant zu beobachten, wie der Mittelstand in Deutschland durch den anstehenden Winter – bei hohen Energiepreisen, immer noch nicht funktionierenden Lieferketten und stetig steigenden Kosten – kommt. Zunächst müssen wohl staatliche Finanzierungs- bzw. Überbrückungs-Maßnahmen greifen, damit den Unternehmen zusätzliches Kapital für die gestiegenen Produktionskosten zur Verfügung gestellt wird. Danach wird sich dann die Spreu vom Weizen trennen und den KMU wird es auch wieder möglich sein, verstärkt am Kapitalmarkt zu agieren.

Zusammenfassend lässt sich wohl prognostizieren, dass auch das Jahr 2023 weiterhin von großer Unsicherheit und hoher Nervosität geprägt sein wird. Es bleibt abzuwarten, ob die Zentralbanken durch ihre Maßnahmen die Wirtschaft nur in eine kurze Schwächephase gestoßen haben oder ob eine längere Rezession folgen wird. Anleger und Investoren sollten weiterhin sehr wachsam und vorsichtig agieren, aber die sich bietenden Chancen und Möglichkeiten nutzen.

Dirk Schneider, Walter Ludwig GmbH Wertpapierhandelsbank

Titelfoto: pixabay.com

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