Eine Nasenlänge voraus: Die Börsensegmente für Mittelstandsanleihen kämpfen um den Spitzenplatz

Dienstag, 22. Januar 2013


Als die Börsianer in Stuttgart 2010 beschlossen, es sei an der Zeit für ein eigenes Segment für Mittelstandsanleihen, hatten sie den richtigen Riecher. Corporate Bonds aus dem Mittelstand boomten und das Stuttgarter Börsensegment  „Bondm“ mit. Rasch zogen die anderen Börsen mit eigenen Marktplätzen nach. In 2012 holte der „Entry Standard“ der Deutschen Börse in Frankfurt den „Bondm“ in Punkto Anzahl der gelisteten Anleihen ein und verwies den einstigen Branchenprimus auf Platz zwei. Anleihen Finder rekapituliert, wo die Mittelstandssegmente zu Beginn des neuen Jahres stehen.

17 neue Anleihemissionen von deutschen Mittelständlern konnte der Entry Standard allein in 2012 für sich verbuchen, bei Bondm waren es nur sieben. Dabei sind sich beide Börsen in puncto Listing- Voraussetzungen und Services ähnlich.

Fragt man Entry Standard-Emittenten nach den Gründen für ihre Wahl, so hängen diese oft mit dem Nimbus der Frankfurter Börse als international bekanntester und wichtigster Börsenplatz Deutschlands zusammen. Dies sieht auch Christoph Schorp, Prokurist bei der Scholz AG, einem Recycler von Stahl- und Metallschrott, so: „Der Börsenplatz Frankfurt war für uns im Heimatmarkt Deutschland die erste Wahl, da nach unserer Einschätzung die Handelsaktivitäten und damit die Liquidität in den Papieren dort am größten ist und in Deutschland der Finanzplatz Frankfurt nach wie vor die größte Aufmerksamkeit genießt. Auch vor dem Hintergrund der Größenordnung unserer Anleihe mit einem Emissionsvolumen von EUR 150 Mio. war uns die Notierung am größten deutschen Finanzplatz wichtig.“

Bondm versteht sich als Privatanlegerbörse

Sich gegen die „Marke“ Börse Frankfurt zu behaupten, ist demnach nicht leicht. In Stuttgart versucht man es trotzdem. So hat Bondm in 2012 als zusätzlichen Service für die Anleger die EDG Risikoklassifizierung für alle dort gelisteten Anleihen eingeführt. Dieses „Ampelsystem“ mit fünf Stufen von grün bis rot ordnet die Schuldverschreibungen in verschiedene Risikoklassen ein. Bei Emittenten stößt dieses Instrument nicht immer auf Gegenliebe, da viele der Anleihen im roten oder bestenfalls gelben Bereich der Skala zu finden sind. Eine wichtige Entscheidungshilfe ist die Klassifizierung jedoch besonders für Privatanleger – und diese hat man in Stuttgart besonders im Blick.

„Als Privatanlegerbörse haben wir den Anspruch, dass private Investoren – ebenso wie institutionelle Investoren – die Möglichkeit haben, direkt bei der Zeichnung einer Anleihe zu partizipieren. Daher streben wir bei Emissionen an, dass bis zu 50 Prozent des Emissionsvolumens von Privatanlegern über die Zeichnungsbox der Börse Stuttgart erworben werden können“, erläutert Sabine Traub, Leiterin Primärmarkt der Börse Stuttgart. „Die durchschnittliche Zeichnungsquote von rund 40 Prozent über die Börse Stuttgart zeigt, dass wir dieser Investorengruppe den Zugang in einem höheren Maße ermöglichen als dies bei den Segmenten anderer Börsen der Fall ist.“

Bondm öffnet sich für Immobilienanleihen

Neu ist zudem, dass nun auch Immobilienanleihen in den Handel am Bondm einbezogen werden, denn diese waren dort bis vor kurzem noch tabu. Das änderte sich mit der Anleihe der Immobilien-Projektgesellschaft Salamander-Areal Kornwestheim mbH, kurz IPSAK. Sabine Traub, erklärt warum: „Das Interesse und die Nachfrage nach besicherten Immobilienanleihen auf Investorenseite haben kontinuierlich zugenommen, so dass wir als Dienstleister den Wünschen der Investoren entsprochen und unsere Angebotsrange erweitert haben. Zudem sprachen bei der IPSAK-Anleihe weitere Aspekte wie Bekanntheitsgrad, Lokalbezug und Denkmalschutz dafür, die Anleihe in das Handelssegment Bondm der Börse Stuttgart aufzunehmen.“  Der Erfolg gab den Stuttgartern recht: Nach nur 90 Minuten in der Zeichnung war die Anleihe der Projektgesellschaft restlos vergriffen und im Bondm ein neuer Zeichnungs-Rekord aufgestellt.

Das Timing für die Angebotserweiterung ist jedoch nicht  unproblematisch, denn gerade jetzt hat mit der Westfälischen Grundbesitz und Finanzverwaltung AG ein Emittent grundpfandrechtlich besicherter Hypothekenanleihen Insolvenz anmelden müssen. Aktuell bemüht sich der Vorstand der WGF AG, die mit ihren Anleihen im Freiverkehr der Börse Düsseldorf notiert war, um die Sanierung des Immobilienunternehmens. Von dem Erfolg dieses Unterfangens und von den Konsequenzen, die die Schieflage der WGF AG für ihre Anleihegläubiger haben wird, hängt für den Ruf von Immobilienanleihen viel ab.

Der mittelstandsmarkt setzt auf Qualität

Während Bondm und Entry Standard sich einen Wettstreit um den Spitzenplatz im Bereich der Mittelstandsanleihen liefern, verlieren die Segmente der anderen Börsen immer mehr den Anschluss. Allein „der mittelstandsmarkt“ der Börse Düsseldorf hat mit fünf Neu-Notierungen in 2012 eine gute Chance, im Spiel zu bleiben. Namhafte Emittenten wie Katjes, Underberg und Valensina stockten ihre bereits platzierten Anleihen auf.

Für die im mittelstandsmarkt notierten Schuldverschreibungen haben sich die Düsseldorfer höhere Qualitäts- und Transparenzanforderungen auf die Fahnen geschrieben, denn anders als der Bondm und der Entry Standard verlangen sie ein Mindestrating ihrer Emittenten von BB. Zwar ist der Anteil von Investmentgrade-Anleihen (mindestens BBB-) insgesamt niedriger als bei der Konkurrenz (siehe Tabelle), jedoch scheinen die Entscheider des mittelstandsmarkts mit ihrer Qualitätspolitik einiges richtig zu machen: Der Anteil der Unternehmensanleihen, die einen Kurs von mehr als 100 haben, ist in Düsseldorf – im Verhältnis gesehen – wesentlich höher als in den anderen Segmenten. Tatsächlich haben die Schuldverschreibungen im mittelstandsmarkt im Vergleich die deutlich beste Kurs-Performance. Auch gab es in Düsseldorf noch keinen Default, was sonst nur das Segment m:access in München von sich sagen kann – dort ist allerdings auch nur eine einzige Mittelstandsanleihe notiert.

Die Wichtigkeit der Mittelstandssegmente nimmt zu

Die Mittelstandssegmente der Börsen profilieren sich:  Bondm als Segment für Privatanleger, der mittelstandsmarkt in Düsseldorf als Segment mit Qualitätsführerschaft und der Entry Standard profitiert von der „Marke“ Deutsche Börse. Allen gemein ist, dass die Entscheider im Markt für mittelständische Unternehmensanleihen ein großes Potenzial sehen und das Segment auch innerhalb der einzelnen Börsen an Wichtigkeit gewinnt. So hob die Börse Düsseldorf den Markt in ihrer Jahresabschluss-Pressemitteilung besonders hervor und rechnet wegen der Basel III Regulierungsvorschriften für Banken, die ab 2013 stufenweise eingeführt werden, mit einem Zuwachs an Emissionen. Sabine Traub von der Börse Stuttgart gibt für 2013 eine ähnliche Prognose ab: „Mittelstandsanleihen werden in diesem Jahr und darüber hinaus eine zunehmend wichtigere Rolle in der Unternehmensfinanzierung spielen. Insofern werden die Börsensegmente für Mittelstandsanleihen mittel- und langfristig weiter wachsen und sich den Bedürfnissen des Kapitalmarkts weiter anpassen.“

Anleihen Finder Redaktion

Foto: Roadrunner38124/flickr

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Segment Anzahl
Emissionen
Nominal-volumen
kumuliert
davon Investment- Grade Kurs über 100
Stand: XX
Ausfälle
Entry Standard
Frankfurt
27 EUR 1112 Mio. 13 14 SIAG Schaaf AG
Bondm
Stuttgart
25

 

EUR 1710 Mio. 6 12 SIC Processing GmbH
Solarwatt*
Der mittelstandsmarkt
Düsseldorf
14 EUR 450 Mio. 4 11 0
Mittelstandsbörse Deutschland
Hamburg/ Hannover
2 EUR 75 Mio. 0 0 BKN biostrom
m:access
München
1 EUR 15 Mio. 1 0 0

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