Trotz Insolvenzen: Keine rote Karte für den Markt der Mittelstandsanleihen

Dienstag, 26. Juni 2012

Kritiker raten jedoch zu mehr Vorsicht und einer professionelleren Prüfung der Emittenten.

Schlechte Nachrichten vom Markt der Mittelstandsanleihen: Mit der BKN biostrom AG und der Solarwatt AG gibt es zwei neue Insolvenzfälle von Emittenten. Was bedeutet das für den noch relativ jungen Markt? Wie wird sich der Markt in den nächsten zwölf Monaten entwickeln?

Keiner der von der Anleihen Finder Redaktion befragten Experten – auch die sich in der Vergangenheit eher kritisch geäußert haben – beschreibt ein Untergangsszenario des Marktsegmentes Mittelstandsanleihen. Vielmehr kann man die vorherrschende Meinung der Marktkenner unter der Überschrift „Marktbereinigung“ zusammenfassen.

Aktuell zeige sich laut den Aussagen der Marktexperten, dass Anleger jetzt besonders bei Emittenten aus der Branche der Erneuerbaren Energien genauer hinsehen sollten. Zudem müsse die Entwicklung der Staatsschuldenkrise bei der Risikobewertung mehr Beachtung zukommen. Insgesamt entsteht das Bild von einem Markt der Mittelstandsanleihen, der jetzt in der Normalität des Kapitalmarktes endlich angekommen ist.

Sicherheit der Anleihen wird überschätzt

Wolfgang Zinn ist Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Grossbötzl, Schmitz & Partner (GS&P). Er managt einen Fonds mit Aktien vor allem von Unternehmen, die in Familienhand sind. Zinn ist als kritischer Beobachter des Marktes der Mittelstandsanleihen bekannt. Der Kritiker geht mit dem Sicherheits-Image der Mittelstandsanleihen scharf ins Gericht: „Unseres Erachtens wird durch die Bezeichnung ‚MittelstandsANLEIHEN‘ eine Sicherheit suggeriert, die bei weitem nicht der Realität entspricht und systematisch überschätzt wird. Das boomende Segment wird in seiner Popularität aktuell zusätzlich dadurch unterstützt, weil alternative Anlageklassen entweder derzeit zu risikoreich erscheinen (Aktien) oder nur Minimalverzinsungen (klassische Anleihen) versprechen können. Die notwendige Risikobetrachtung einer Mittelstandsanleihe gerät dabei häufig und fatalerweise in den Hintergrund“, so Wolfgang Zinn im Gespräch mit der Anleihen Finder Redaktion.

Kaptialmarktprofi Wolfgang Zinn plädiert wie die meisten der Befragten dafür, dass kein Investor auf eine detaillierte Analyse eines mittelständischen Wertpapiers verzichten könne: „Es sollten Fragen nach dem Geschäftsmodell des Mittelständlers, der Motivation der Emission versus Bankkredit (Ist er ggf. bei Banken nicht kreditwürdig?), Verwendungszweck der eingesammelten Gelder (Expansion oder Ablösung von Altkrediten?), vorliegende Ratings von z.T. wenig bekannten Ratingagenturen etc. vor einer Investition genauestens untersucht und beantwortet werden.“ Der Kapitalmarktprofi glaubt, dass das nur von Finanzexperten und spezialisierten Fondsmanagern geleistet werden könne.

Ausfälle stammen aus dem Erneuerbare Energien-Sektor

Die Johannes Führ Asset Management GmbH steht dem Segment Mittelstandsanleihen positiv, aber nicht unkritisch gegenüber. Markus Mitrovski ist bei Johannes Führ Analyst und Portfoliomanager. Er fasst zusammen, dass mit der SIAG Schaaf AG jetzt schon drei Emittenten mit Insolvenzverfahren aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien stammen. „Auch Pioniere wie Q-Cells aus der Solarbranche haben dieses Jahr Insolvenz beantragt. Die Ausfälle sind daher nicht primär im Mittelstandsmarkt zu sehen, sondern in der stark angeschlagenen Branche der erneuerbaren Energie. Es ist zwar überall zu hören, dass die Energiewende eingeläutet wurde, jedoch kämpfen diese Unternehmen in Deutschland mit sinkenden Margen und hohem Konkurrenzdruck aus dem Ausland“, so der Analyst. „Wenn man sich die Emittenten des Mittelstandssegmentes anschaut, ist zu sehen, dass 29% Prozent der bisher emittierten Anleihen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien stammen. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn es im Moment auch am Markt der Mittelstandsanleihen zu Ausfällen kommt. Von Untergangsszenarien für den ganzen Markt zu sprächen, ist allerdings etwas zu trivial. Es gibt auch gut aufgestellte Unternehmen, die über ein starkes Wachstum am Mittelstandsmarkt verfügen.“

Anlage-Profi Markus Mitrovski spricht die Unregelmäßigkeiten vor Insolvenzen offen an und nennt Ross und Reiter: „Die Probleme sind bereits bei der Platzierung entstanden. Hier wurde von der Börse versäumt, eine Publikation des wirklich platzierten Emissionsvolumens zu veröffentlichen. Die SIAG Schaaf AG wollte ursprünglich ein Volumen von 50 Mio. aufnehmen, allerdings konnten sie lediglich einen Bruchteil davon platzieren. Die Ziele, die mit dem Geld verfolgt wurden, konnten dementsprechend auch nicht verwirklicht werden. Dies ist jedoch eine wichtige Information für den Investor“, sagte Markus Mitrovski im Interview mit der Anleihen Finder Redaktion. Allerdings hätten die Börsen die Probleme bereits erkannt und seien laut Mitrowski dabei, ihr Regelwert anzupassen.

Ratings sind oft zu positiv

Auch Dirk Schiereck begleitet als Finanzwissenschaftler die Marktentwicklung kritisch. Der Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt warnte immer wieder davor, sich von den bekannten Markennamen verführen zu lassen oder Wertpapierprospekte nicht detailliert genug zu überprüfen. Aber auch Schiereck sieht keine rote Karte für den Markt der Mittelstandsanleihen. Die Hauptkritik des Professor richtet sich gegen realitätsferne Ratings: „Anfang des Jahres hat das Going Public Magazin die goldene IPO-Zitrone für die schlechteste IPO-Leistung des Jahres 2011 an Creditreform vergeben, weil die Ratings unangemessen gut gewesen sein sollen. Die jüngsten Ereignisse unterstützen diese Wahl. Der Markt ist noch nicht insgesamt zu, aber im Bereich der erneuerbaren Energien wird es sehr schwer, in nächster Zeit zu platzieren. Bekannte Namen (Schalke, Steilmann) und wirklich gute Bonitäten werden auch weiterhin von der Anlagenot der Privatanleger profitieren, für andere wird es schwierig“, so der Wissenschaftler.

Auch Mittelstandsanleihen-Kritiker Markus Mitrovski räumt ein, dass er die mittelständischen Bonds als sinnvolle Ergänzung eines jeden Portfolios ansehe. Es sollte aber nur mit professionellem Sachverstand investiert werden, so Mitrovski. „Wir sind der Ansicht, dass sich Mittelstandsanleihen nach einem Bereinigungsprozess – und mit zunehmender zeitlicher Anlageerfahrung mit dieser ‚Anlageklasse‘ – zu einem eigenen Anlagesegment mit eigener Berechtigung entwickeln werden.“

Anleihen Finder Redaktion

 

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