Neuemission Travel24.com-Anleihe: Warum wir auf ein Rating verzichtet haben

Donnerstag, 6. September 2012

Armin Schauer, Vorstand der Travel24.com AG (Foto), stellte sich den Fragen der Anleihen Finder Redaktion. Der erfahrene Hotelmanager erklärt, wofür die Anleihen-Erlöse eingesetzt werden, wie die Forderungen gegenüber der Unister Holding GmbH zu interpretieren sind und warum das Unternehmen bewusst auf ein Rating im Rahmen der Neuemission verzichtet hat:

Anleihen Finder Redaktion: Sehr geehrter Herr Schauer, Travel24.com dürfte vielen Lesern aus Sicht eines Kunden bekannt sein, weniger aber aus Sicht eines Investors. Könnten Sie uns daher bitte kurz das bestehende Geschäftsmodell des Unternehmens darlegen – auf welchen Märkten bewegen Sie sich, was sind die Umsatz- und Kostentreiber und wie ist Ihre Marktposition im Vergleich zum Wettbewerb?

Armin Schauer: Die Travel24.com AG ist einer der ältesten Betreiber von Online-Reiseportalen in Europa. Im deutschsprachigen Raum vermitteln wir auf unseren Internetportalen (travel24.com; flug24.de; lastminute24.com, travel24.at; travel24.ch) eine Vielzahl von Reiseprodukten mit dem Schwerpunkt auf Pauschal- und Last-Minute-Reisen sowie Flugtickets. Seit Mitte 2010 verfolgen wir eine zunehmende Internationalisierung unserer Online-Reisevermittlung. So haben wir im September 2010 ein Online-Reiseportal in den Niederlanden (travel24.nl; vluchten24.nl) und im November 2010 zwei Portale in Großbritannien (travel24.co.uk, fly24.co.uk) eröffnet. In diesem Jahr planen wir noch den Launch eines Reiseportals in Frankreich. Dadurch können wir heute schon Reisen von allen großen deutschen, österreichischen, schweizerischen, niederländischen und britischen Reiseveranstaltern, Übernachtungen in ca. 150.000 Hotels weltweit, Flüge von mehr als 750 Fluggesellschaften, Mietwagen in über 90 Ländern mit ca. 5.000 Stationen, Flughafentransfers an mehr als 7.000 Urlaubsorte weltweit und Reiseversicherungsschutz von etablierten Versicherungspartnern vermitteln.

Dabei profitieren wir insbesondere von der weiter zunehmenden Beliebtheit der Online-Buchungen, die den Gang ins Reisebüro immer mehr ersetzen. Zum Wettbewerb im Online-Reisegeschäft zählen neben den Online-Portalen von Holidaycheck, Expedia, Opodo oder weg.de und den Internetplattformen der von Reiseveranstaltern wie Thomas Cook und TUI auch die Vermittlung von Flugtickets durch Fluglinien wie Lufthansa oder Air Berlin. Wir fühlen uns als Travel24.com AG in diesem Wettbewerbsumfeld aber sehr gut aufgestellt und die erfolgreiche Geschäftsentwicklung der letzten Quartale gibt uns da sicherlich Recht.

Darüber hinaus werden wir nun mit einem neuen Geschäftsfeld in den attraktiven Wachstumsmarkt der Budget-Design-Hotels einsteigen, der, wenn man den internationalen Vergleich heranzieht, gerade in Deutschland noch großes Potenzial besitzt. Hier treffen wir dann auf Wettbewerber wie IBIS Hotels, Motel One, Holiday Inn Express oder B&B Hotels, die hier schon seit einiger Zeit vertreten sind. Allerdings sehen wir bei der stetig wachsenden Beliebtheit dieses Segments, besonders auch bei Geschäftsreisenden, durchaus genügend Platz für weitere Anbieter. Dabei gehen wir auch davon aus, dass uns unsere bestehende Vertriebsstärke im Online-Reisegeschäft zu einer guten Auslastung unserer Hotels verhelfen wird, gerade wenn man bedenkt, dass schon heute 60 Prozent der Übernachtungen in den Budget Hotels online gebucht werden.

Anleihen Finder Redaktion: Travel24.com ist eines der ältesten Reiseportale Deutschlands und hat bereits einige Hochs und Tiefs erlebt. 2009 wurde die Gesellschaft als Sanierungsfall von der Unister-Gruppe erworben. Wie kam es zu dieser Schieflage und was hat die Gesellschaft im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen der letzten Jahre verändert?

„Eigentlich hat sich alles verändert“

Armin Schauer: Zu den Entwicklungen vor 2009 ist es müßig, die einzelnen Ursachen zu diskutieren. Man kann aber festhalten, dass sich seit dem eigentlich alles geändert hat. Nach dem Einstieg der Unister-Gruppe in 2009 wurden sämtliche Geschäftsprozesse auf den Prüfstand gestellt. Geblieben ist letztlich neben dem Domain- und Markennamen und der Börsennotierung nicht viel. Zentraler Punkt der Neuausrichtung war dabei sicherlich, sich in den für das Onlinegeschäft relevanten Kernkompetenzen, wie Marketing, Produkt, Technik und Konditionen, komplett neu aufzustellen. Wenn Sie demzufolge das Unternehmen von damals mit dem von heute vergleichen werden Sie kaum noch Parallelen finden.

Anleihen Finder Redaktion: Die Ergebnisentwicklung von Travel24.com ist seit 2009 beeindruckend positiv. Wies die Gesellschaft Ende 2009 noch Verlustvorträge von gut EUR 5 Mio. aus, so sind die Bilanzverluste zum 30.06.2012 nahezu ausgeglichen. Das Ergebnis nach Steuern lag Ende 2009 bei EUR 0,8 Mio. – das Halbjahresergebnis 2012 liegt bereits bei EUR 2 Mio. Wie ist der Ausblick im bestehenden Geschäftsmodell und mit welchen Ergebnissen dürfen die Anleger zum Jahresende rechnen?

Armin Schauer: Wir sind mit der Geschäftsentwicklung des ersten Halbjahres durchaus zufrieden und die bisher vorliegenden Buchungszahlen deuten auch daraufhin hin, dass sich die positive Entwicklung im zweiten Halbjahr weiter fortsetzt. Für das Gesamtjahr haben wir die Prognose ausgegeben, dass der Umsatz erneut steigen soll und das Nettoergebnis gehalten wird. Dabei wollen wir es zum gegenwärtigen Zeitpunkt erst einmal belassen – auch wenn es im Augenblick tatsächlich schon nach einer deutlichen Verbesserung aussieht.

Anleihen Finder Redaktion: Gewähren Sie uns – bevor wir gleich zur Anleihe kommen und den damit verbundenen strategischen Perspektiven – noch einen Einblick in den Unternehmensverbund mit der Unister-Gruppe. Im Jahresabschluss 2011 der Emittentin ist die Beteiligungsquote der Unister Holding GmbH mit 95 Prozent angegeben, im Prospekt zur Anleihe nur noch mit rund 45 Prozent. Handelt es sich um tatsächliche Anteilsveränderungen und wenn ja, vor welchem Hintergrund?

Armin Schauer: Hier handelt es sich wirklich um echte Anteilsveränderungen, wobei die Unister Holding GmbH in der vergangenen Woche Aktienpakete an das Bankhaus Metzler und ein schweizerisches Family Office veräußert hat. Hintergrund der Transaktion war es, die Aktionärsstruktur der Gesellschaft strategisch sinnvoll breiter aufzustellen. Sowohl das Family Office als auch der Partner der hinter dem Bankhaus Metzler steht, haben langfristige strategische Interessen und sind wertvolle Partner für unsere Pläne im Hotelgeschäft sowie in der weiteren Internationalisierung unserer Online Reisevermittlung.

„Vertragliche Beherrschungsverhältnisse oder Ergebnisabführungsverträge mit der Unister-Gruppe bestehen nicht“

Anleihen Finder Redaktion: Bestehen über die umsatzsteuerliche Organschaft zwischen der Travel24.com AG und der Unister Holding GmbH hinaus vertragliche Beherrschungsverhältnisse oder Ergebnisabführungsverträge? Welche Rolle spielt die Zugehörigkeit zum Unternehmensverbund der Unister-Gruppe?

Armin Schauer: Vertragliche Beherrschungsverhältnisse oder Ergebnisabführungsverträge mit der Unister-Gruppe bestehen nicht – es handelt sich hier um eine ganz normale Unternehmensbeteiligung. Neben ihrer Rolle als starker Aktionär der Travel24.com AG ist die Unister-Gruppe allerdings auch ein wertvoller Geschäftspartner für unsere Gesellschaft. Wir haben mit langfristigen gesicherten Dienstleistungsverträgen einige Bereiche, wie die IT und Back Office Arbeiten outgesourct und können beim Marketing und Einkauf im Interesse unserer Kunden auf hervorragende Angebote und Konditionen zurückgreifen.

Anleihen Finder Redaktion: Im Jahresabschluss 2011 der Emittentin findet sich unter der Bilanzposition „Forderungen gegen verbundene Unternehmen“ ein ungewöhnlich hoher Betrag von nahezu EUR 5 Mio., was rund 25 Prozent des Umsatzes 2011 entspricht. Wie kommt es zu dieser Betragshöhe und welcher Art sind die Forderungen gegenüber der Unister Holding GmbH? Besteht für die Anleger die Gefahr, dass Erträge und Liquidität aus der Travel24.com AG in die Unister-Gruppe verlagert werden?

Armin Schauer: Nein, diese Position resultiert ausschließlich aus der Tatsache, dass die Liquidität der Gesellschaft sinnvoll verzinst werden sollte, da wir bislang das Kapital noch nicht benötigt haben. Selbstverständlich erfolgte eine Besicherung der Position. Darüber hinaus haben wir uns im Rahmen der neuen Aktionärsstruktur und dem Eintritt in das Budget-Design-Hotelsegment mit den Hauptaktionären darauf verständigt, diese Positionen auf das laufende Geschäft zurückzufahren. Dies wird sehr kurzfristig stattfinden.

Anleihen Finder Redaktion: Kommen wir nun zur aktuellen Anleihe über EUR 25 Mio. mit einer Laufzeit von 5 Jahren und 7,5 Prozent Zinsen p.a. Aus dem Prospekt geht hervor, dass Sie den Aufbau eines neuen Geschäftsfelds „Hotelbetrieb“ planen. Welche Strategien verfolgen Sie hierbei und in welchem Ausmaß und in welcher Form soll das eingeworbene Anleihe-Kapital hierbei Verwendung finden?

„Bis zu 25 Hotels mit durchschnittlich 200 Zimmern in deutschen Großstädten“

Armin Schauer: Wie bereits erwähnt, werden wir in das stark wachsende und margenstarke Segment der Budget-Design-Hotels einsteigen, dem wir in den nächsten Jahren noch deutliches weiteres Wachstumspotenzial zutrauen. Hier planen wir, mittelfristig bis zu 25 Hotels mit durchschnittlich 200 Zimmern in deutschen Großstädten in fußläufiger Entfernung zu touristisch und geschäftlich interessanten Punkten nach einem mit hochdefinierten Standard zu gestalten und zu betreiben. Dadurch wollen wir unsere Wertschöpfungskette erweitern und das operative Geschäft auf eine breitere Basis stellen. Dabei verfolgen wir eine klar ertragsorientierte und risikominimierende Sale & Lease back Strategie, d. h. die Hotels verbleiben nicht im Eigenbesitz der Gesellschaft sondern werden idealerweise bereits in der Bauphase an Investoren verkauft und anschließend zurückgemietet. Die Mittel aus der Anleihe dienen daher hauptsächlich zur Abrundung des Working Capital während der initialen Verkaufsphase der Hotelimmobilien an interessierte Investoren. Dafür werden etwa 70 Prozent bis 80 Prozent des Emissionserlöses eingesetzt. Die Einbringung der Eigenmittel in die jeweilige Projektgesellschaft wird in Form von einem Darlehen bzw. der Einbringung von Eigenkapital erfolgen. Die genaue Strukturierung wird allerdings auf das jeweilige Projekt und mit der damit verbundenen Fremdkapitalfinanzierung abgestimmt werden. Die verbleibenden Mittel der Anleihe werden in den Ausbau und die weitere Internationalisierung unseres anderen Geschäfts in der Online-Reisevermittlung investiert werden.

Anleihen Finder Redaktion: Im Prospekt zur aktuellen Anleihe ist ausgeführt, dass die Forderungen der Anleihegläubiger mit den Anteilen der Travel24 Hotel AG, einer 100 prozentigen Tochter der Emittentin, pfandrechtlich besichert werden. Die Travel24 Hotel AG wird nach unserem Verständnis die Eigentümerin der neuen Hotelobjekte sein. Das Pfandrecht an den Anteilen hat insbesondere dann einen Sicherheitenwert, wenn die Travel24 Hotel AG ihre Vermögensgegenstände – die Hotels – nicht an andere Financiers, wie z.B. Banken oder Baufinanzierer verpfändet. Wie also wird sich die Travel24 Hotel AG finanzieren und werden die Anleihegläubiger potenziell in den strukturellen Nachrang geraten?

Armin Schauer: Die gesellschaftsrechtliche Struktur sieht so aus, dass die Travel24 Hotel AG als Muttergesellschaft des neuen Hotelbereiches positioniert ist. Sie besitzt darüber hinaus eine Tochter, die für den Hotelberieb verantwortlich ist. Daneben befindet sich eine weitere Tochter die für die jeweiligen Objektgesellschaften verantwortlich zeichnet. Demnach sind unter dieser sämtliche Objekte in einer für den Immobilienbereich klassischen KG – Struktur platziert. Somit wird jedes Objekt jeweils bis zur Weiterveräußerung in einer eigenen KG gehalten. Die Finanzierung der Hotelprojekte selbst wird aus dem betrieblichen Cashflow der Travel24.com AG, durch bankübliche Fremdfinanzierung, das bereits erwähnte Sale & Lease back, sowie als Unterstützung des Working Capital, insbesondere in der Anfangsphase, durch die Anleihe erfolgen. Zur Besicherung sind wie bekannt die Aktien der Travel24 Hotel AG an einen Treuhänder verpfändet. Die Fremdfinanzierung in der Entwicklungsphase ist gegenwärtig kombiniert mit einem Eigenkapitaleinsatz von ca. 50 Prozent geplant. Demnach verfügen die Anleger auch in der Entwicklungsphase über eine gesicherte Position. Im Rahmen der Sale & Lease back Transaktion der Objekte an langfristige Investoren erfolgt dann die Rückführung des Fremdkapitals und die Löschung der Grundpfandrechte.

Anleihen Finder Redaktion: Die meisten anderen im Frankfurter Entry Standard notierenden Emittenten und/oder Anleihen verfügen über ein Rating. Vor dem Hintergrund des jüngst vollzogenen Turn-Arounds ist Ihr Verzicht auf ein Rating zunächst nachvollziehbar. Planen Sie bei einer Verstetigung der aktuellen Entwicklung ggf. doch noch ein Rating durchführen zu lassen?

„Auch in Zukunft kein Rating“

Armin Schauer: Wir haben hier von einer Regelung Gebrauch gemacht, die es allen börsennotierten Emittenten erlaubt, auf ein Rating zu verzichten, und die meines Wissens auch von den meisten anderen börsennotierten Unternehmen genutzt wird. Da wir als im Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse notiertes Unternehmen bereits die höchsten Transparenzstandards befolgen, glauben wir nicht, dass ein zusätzliches Rating noch einen deutlichen Mehrwert für die Investoren bringen würde. Daher werden wir nach jetzigem Stand der Dinge auch in Zukunft kein Rating durchführen lassen.

Anleihen Finder Redaktion: Aus dem EBIT des halben Geschäftsjahres 2012 in Höhe von rund EUR 3,0 Mio. könnten Sie bereits die Zinszahlungen an die Anleihegläubiger von etwa EUR 1,9 Mio. für ein ganzes Jahr bedienen. Mit welchen zusätzlichen Erträgen rechnen Sie nachhaltig aus den bestehenden und neuen Geschäftsaktivitäten, um den Komfort für die Investoren weiter zu steigern?

Armin Schauer: Im Online-Reisegeschäft haben wir uns eine gute Marktposition erarbeitet, die wir in Zukunft durch gezielte Internationalisierungsmaßnahmen profitabel weiter ausbauen wollen. Durch das zusätzliche Geschäftsfeld sind in Zukunft erhebliche Umsatzsteigerungen zu erwarten. Und wenn unsere Einschätzungen der Attraktivität des Budget-Design-Hotel Modells annähernd zutreffen, wird sich das positiv auf unsere Ertragssituation auswirken. Der Budget Design Hotel Markt ist ja bekanntlich mit EBT Margen von 17-20 Prozent ein attraktiver Markt in diesem Umfeld. Darüber hinaus erwarten wir aus dem Verkauf der Hotelobjekte zusätzliche Verkaufserlöse, die unter anderem auch zur Tilgung der Anleihe verwendet werden.

Anleihen Finder Redaktion: Vielen Dank für das sehr offene Gespräch!

Kurzvita von Armin Schauer
Armin Schauer, Jahrgang 1964, ist Hotelbetriebsfachwirt und kann 15 Jahre Erfahrung als Hotel- und Regionaldirektor in der internationalen Kettenhotellerie vorweisen. Bevor er 2010 Vorstand der Travel24.com AG wurde, war er unter anderem Regionaldirektor bei den Astron Hotels Deutschland sowie der Accor Hotellerie Deutschland. Hier hatte er die Leitung des operativen Marketings für eine Hotelmarke und die damit verbundene strategische Ausrichtung inne. Er entwickelte neue Hotelstandorte und betreute Hotelneubauprojekte bis hin zum Pre-Opening.

Anleihen Finder Redaktion

Fotos: Travel24.com AG

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