Eine ganz neue Liga? – Eine Fußball-Anleihe geht an die Börse

Montag, 21. Mai 2012


FC Hansa Rostock, FC St. Pauli, FC Hertha BSC, 1.FC Nürnberg und – wie gut informierte Quellen verlauten lassen – auch bald der HSV: Die Liste der Anleiheemittenten unter den Fußballvereinen ist lang. Immer mehr Clubs begeben sogenannte Fananleihen, um Investitionen zu tätigen oder um sich mehr finanziellen „Spiel“-Raum“ zu verschaffen. Mit seiner jüngsten Vereins-Anleihe geht der FC Schalke 04 jedoch neue Wege.

Anleihen von finanziell angeschlagenen Fußballvereins-Größen sind oft erstaunlich erfolgreich: So konnte der FC St. Pauli über die Millerntorstadion Betriebs GmbH & Co. KG eine zu 6 Prozent verzinste Anleihe in Höhe von EUR 6 Mio. so schnell an den Mann bringen, dass der Fußballverein aufstockte und noch EUR 2 Mio. mehr einsammelte. Der FC Hertha BSC konnte 2010 von dem anvisierten Volumen von EUR 6 Mio. zwar nur EUR 3,5 Mio. platzieren, doch angesichts eines eher mäßigen Kupons von 5 Prozent und der Tatsache, dass die finanzielle Situation eines Fußballclubs auch vom sportlichen Erfolg – sprich dem Auf- oder Abstieg der Mannschaft – abhängt, ist das ein solides Ergebnis.

Schmuck- Urkunden für treue Fans

Zu bedenken ist bei all dem sicherlich, dass sich Anleihen großer Fußballvereine nicht mit den Schuldverschreibungen mittelständischer Unternehmen vergleichen lassen.
Deutlich wird das schon durch die Bezeichnung „Fananleihe“, die oft für solche Wertpapiere gebraucht wird: Denn die Gläubiger sind in erster Linie treue Fußballfans, die vor allem daran interessiert sind, ihren Verein zu unterstützen und für die die Rendite ihrer Geldanlage bestenfalls zweitrangig ist. Genau aus diesem Grund werden für die meisten Vereins-Anleihen auch so genannte effektive Stücke begeben, also optisch ansprechende Schmuckurkunden, die sich die Gläubiger zu Hause an die Wand hängen können.

Es ist davon auszugehen, dass viele dieser Urkunden – die es bereits für Beträge ab EUR 100 gab – am Ende der Laufzeit gar nicht für die Rückzahlung des investierten Betrags eingereicht werden, sondern bei den Fans verbleiben – und somit auch das Geld beim Verein.

Pioniere an der Börse

Bei der neusten Emission des Tabellendritten FC Schalke 04 (WKN: A1ML4T) wird jedoch so einiges anders sein: Die Königsblauen planen, Schuldverschreibungen im Volumen von bis zu EUR 50 Mio. zu begeben und mit 6,75 Prozent zu verzinsen. Damit betreten sie allein schon bei der Höhe des anvisierten Volumens Neuland, denn bisher waren bei Vereinsanleihen Beträge von höchstens EUR 10 Mio. die Regel. Doch auf Schalke will man auch in anderer Hinsicht Pionierarbeit leisten: So soll die neue Emission als erste Vereinsanleihe Deutschlands an einer Börse handelbar sein und zwar im Mittelstandsegment Entry Standard der Börse Frankfurt. Peter Peters, Finanzvorstand des FC Schalke, erklärt: „Anleihen gehören bereits seit dem Jahr 2003 zum Finanzierungsmix des FC Schalke 04. Seitdem haben wir zwei Anleihen bei institutionellen Investoren platziert und eine Fan-Anleihe bei Privatanlegern. Alle drei werden nicht an der Börse gehandelt. Mit der geplanten Emission einer börsennotierten Mittelstandsanleihe wollen wir unsere Investorenbasis verbreitern. Das bedeutet, wir wollen auch Investoren ansprechen, für die die Handelbarkeit der Anleihe ein wichtiges Anlagekriterium darstellt.“

Dies bringt, anders als bei den klassischen „Fan-Anleihen“, auch professionelle Anleger ins Spiel. Tatsächlich betont Schalke, dass sich das ‚Königsblaue Wertpapier‘ „sowohl an institutionelle Investoren und Vermögensverwalter als auch an Privatanleger“ richtet. Stückelung und Mindestinvestitionsvolumen liegen bei der neuen Schalke- Emission bei EUR 1.000, was bei Mittelstandsanleihen die Norm ist, so manchen Fußballfan jedoch schon an die Grenze seiner Vereinsliebe bringen dürfte. Auch die so beliebten Schmuckurkunden für Clubhäuser und Wohnzimmer wird es dieses Mal nicht geben.

Der Kapitalmarkt fordert ein Rating

Die Deutsche Börse in Frankfurt fordert von den Emittenten im Entry Standard die Vorlage eines gültigen Ratings und so musste sich auch der FC Schalke 04 der Beurteilung durch eine Ratingagentur stellen. Die Creditreform Rating AG hatte es dabei sicherlich nicht leicht, da für Fußballvereine Risiken bestehen, die den Analysten bei den üblichen mittelständischen Unternehmen so nicht begegnen, allen voran natürlich das sportliche Risiko mit der Möglichkeit des Abstiegs und seinen finanziellen Konsequenzen. Negativ zu bewerten ist zudem die Tatsache, dass der Erlös aus der Schalke-Anleihe nicht für Sachwertinvestitionen ausgegeben werden soll, welche dann als Sicherheiten dienen könnten, sondern lediglich der Umschuldung dient. Auch macht ein Blick auf die Vereins-Finanzen deutlich, dass die Königsblauen tief in der Kreide stehen: Zwar konnte der Verein seine Verbindlichkeiten in 2011 um EUR 36 Mio. senken, es bleibt laut Bilanz jedoch eine Schuldenlast von mehr als EUR 228 Mio. Um diese Verbindlichkeiten reibungslos zu bedienen, sollte sich das nach eigenen Angaben in 2011 um 30 Prozent auf EUR 62,1 Mio. angestiegene EBITDA tunlichst als nachhaltig erweisen.

Besonderheiten auf der Aktiva und Passiva-Seite

Während der sportliche Faktor die Risiken von Fußballanleihen erhöht, gibt es auch Besonderheiten, die auf der Aktiva-Seite der Vereinspapiere stehen. So hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass Fußballvereine in Zeiten der Not auf Hilfe von Fans und Politik bauen können. Ein Beispiel hierfür ist der Hamburger Kult-Verein FC St. Pauli, der vor zehn Jahren kurz vor dem Aus stand und dann durch den Verkauf der berühmten „Retter T-Shirts“ ein Defizit von fast EUR 2 Mio. ausgleichen konnte.Hilfe von außen bekam kürzlich auch der insolvenzgefährdete FC Hansa Rostock, dem seine Heimatstadt ein Rettungspaket von knapp EUR 2 Mio. schnürte, um den Fortbestand des Vereins zu sichern. So eindrucksvoll diese Beispiele auch sind: Solche „Sympathie-Leistungen“ können sicherlich nicht in ein professionelles Rating einfließen.
Vor dem Hintergrund der Auf’s und Ab’s im Bundesligageschäft wundert es nicht, dass die Creditreform den FC Schalke 04 – immerhin laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes einer der zehn wertvollsten Clubs weltweit – mit der für Mittelstandsanleihen eher unterdurchschnittlichen Note von BB bewertete. Ein Blick auf die Aktienkursschwankungen des Reviernachbarn Borussia Dortmund zeigt, dass man mitunter auch als Fan-Anleger über starke Nerven verfügen sollte, wenngleich die Anleihe für das Nervenkostüm die deutlich geringere Belastung darstellen sollte. Was der Kapitalmarkt von der Emission hält, dürfte in jedem Fall sehr spannend werden. Wir werden es am 30. Mai erfahren, wenn das ‚Königsblaue Wertpapier‘ in die Zeichnung geht.

Anleihen Finder Redaktion

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