Windreich ist insolvent – war das absehbar? – Kolumne von Peter Thilo Hasler

Dienstag, 17. September 2013


Nach monatelangem Überlebenskampf hat der Windkraftprojektierer Windreich Insolvenz angemeldet und eine Sanierung in Eigenregie beantragt. „Ich trage es mit Anstand, ich habe alles gegeben“, wurde Windreich-Gründer Willi Balz in den Medien zitiert, bevor er sich mit sofortiger Wirkung aus der Geschäftsführung von Windreich zurückzog und diese an einen Unternehmensberater abgab. Das Unternehmen hat 2010 und 2011 zwei Mittelstandsanleihen mit einem Gesamtvolumen von 125 Mio. Euro begeben, die kurz vor der Kursaussetzung bei 56% bzw. 48% notierten. Betragsmäßig handelt es sich damit um die größte Insolvenz an den deutschen Mittelstandsbörsen.

Muss die Meldung den Anleger überraschen? Warnsignale gab es zuhauf. Schon dass Windreich die Zinsen der Anleihen aus eigener Kraft nicht mehr bezahlen konnte – Firmengründer Balz musste diese aus seinem Privatvermögen begleichen –, hätte jeden Investor zum sofortigen Verkauf der Anleihe anregen müssen, da dadurch de facto ein Default der Anleihe auslöst wurde. Dass es mit der Solvenz der Gesellschaft nicht allzu weit her ist, ist zuvor bereits Creditreform aufgefallen, deren Folge-Rating so ungünstig ausgefallen war, dass Windreich die Veröffentlichung verweigerte und stattdessen den Downgrade in den Freiverkehr in Kauf nahm. Dieser wurde von der Börse Stuttgart auch postwendend vollzogen. Im Freiverkehr ist eine zeitnahe Veröffentlichung von kursrelevanten Nachrichten nicht länger zwingend erforderlich. Das Management ließ sich denn auch Zeit, die Insolvenzanmeldung der breiten Öffentlichkeit zu publizieren: Sie wurde erst mit vier Tagen Verspätung bekannt gemacht.

„In verschiedenen Medien von Balz besänftigt“

In den Wochen vor der Insolvenz wurden Anleger in verschiedenen Medien von Balz besänftigt: Von „verblüffend guten Zahlen“ war die Rede, von einer nunmehr „überstandenen Durststrecke“. Dennoch ermittelte die Stuttgarter Staatsanwalt bereits im Frühjahr wegen Insolvenzverschleppung. Es seien Jahres- und Konzernabschlüsse geschönt worden, lautete der Vorwurf gegen mehrere aktive und ehemalige Windreich-Manager, darunter auch der frühere baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring. Er war bei Windreich in verschiedenen Funktionen, vom Vorstand über den Aufsichtsrat, tätig. Aber nicht nur die Belange der Anleger wurde missachtet, offensichtlich auch die der Mitarbeiter: Immer wieder kursierten Gerüchte, das Unternehmen zahlen die Gehälter seiner Mitarbeiter verspätet.

Es gab also jede Menge Warnhinweise. Ohnehin muss jedem Anleger bewusst sein: Wer in der Projektierung tätig ist, ob Immobilien oder Windparks, bedarf ausreichend Eigenkapital. In einem Markt, der von globalen Large Caps dominiert wird, hat dieses Windreich von Anfang an gefehlt.

Peter Thilo Hasler

Peter Thilo Hasler ist Vorstand der BLÄTTCHEN & PARTNER AG und Gründer und Analyst der Sphene Capital.

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