Standard & Poor’s: Neue Mittelstands-Bonitätseinschätzung ist auf Privatplatzierungen zugeschnitten
Die Standard & Poor’s Rating Services bietet mit der Mittelstands-Bonitätseinschätzung (MME für „Mid-Market Evaluation“) ein neues Produkt für den Mittelstand an. Die MME soll den Unternehmen dabei helfen, durch höhere Transparenz Zugang zu alternativen Finanzierungsquellen zu finden. Für die breite Öffentlichkeit ist die Bewertung – die kein klassisches Rating ist – jedoch nicht gedacht. Die Anleihen Finder Redaktion sprach mit S&P-Geschäftsführer Torsten Hinrichs über das neue Angebot:
Anleihen Finder Redaktion: An wen richtet sich Ihr neues Angebot „Mittelstands-Bonitätseinschätzung“ in erster Linie?
Torsten Hinrichs: Unser neues Produkt Mittelstands-Bonitätseinschätzung richtet sich an mittelständische Unternehmen mit einer Gesamtverschuldung unter 500 Mio. Euro und einem Umsatz bis etwa 1,5 Mrd. Euro. Unsere Kunden können dieses Produkt, das wir unter dem Kürzel MME (MidMarket Evaluation) vertreiben, einer begrenzten Anzahl von Kreditgebern, Investoren oder anderen Dritten zur Verfügung stellen, die sie selbst bestimmen, nicht aber der breiten Öffentlichkeit. Unser MME kann diese mittelständischen Unternehmen darin unterstützen, durch mehr Transparenz alternative Finanzierungsquellen zu finden.
Anleihen Finder Redaktion: Warum ist die Mittelstands-Bonitätseinschätzung nicht auch für Unternehmen, die öffentlich gehandelte Anleihen ausgeben? Warum schließen Sie diese Gruppe aus, obwohl sie derzeit boomt?
Torsten Hinrichs: Tatsächlich nutzen größere mittelständische Unternehmen bereits seit geraumer Zeit unser Kreditrating, wenn sie den öffentlichen Kapitalmarkt und damit eine breitere Investorenbasis anzapfen wollen. Unser klassisches Ratingprodukt steht natürlich Unternehmen jeder Größe weiterhin zur Verfügung. Wir beobachten allerdings europaweit einen starken Anstieg der Privatplatzierungen, sei es durch Schuldscheine oder andere Instrumente, und erwarten, dass diese Entwicklung sich eher noch beschleunigen wird. Mit unserer MME schaffen wir zusätzliche Transparenz in diesem Segment, mit begrenztem Aufwand und Kosten für die Unternehmen.
Anleihen Finder Redaktion: Wie sieht es bei Privatplatzierungen von Unternehmensanleihen aus (also mit höheren Mindestinvestitionssummen und ohne Prospektpflicht)?
Torsten Hinrichs: In Deutschland ist der Bereich Privatplatzierungen ja mit am weitesten entwickelt. Für Investoren, die sich bei Privatplatzierungen engagieren wollen, bietet unsere Mittelstands-Bonitätseinschätzung eine unabhängige Meinung zur Kreditwürdigkeit des Unternehmens, die als Ergänzung zur eigenen Risikoanalyse genutzt werden kann. Mit der dadurch erreichten erhöhten Transparenz können Risiken besser miteinander verglichen werden.
Anleihen Finder Redaktion: Was sagen – wenn es um eine spezifische Anleihe geht – die „erwarteten Erlösquoten“ aus, die durch die Symbole „+“ oder „–“ widergespiegelt werden?
Torsten Hinrichs: Mit unserer Skala von MM1 – der höchsten Mittelstands-Bonitätseinschätzung – bis MM8 (der niedrigsten) bringen wir unsere Meinung über die künftige Zahlungsfähigkeit des jeweiligen Schuldners, also das Kreditrisiko zum Ausdruck. Darüberhinaus treffen wir auch eine Aussage dazu, mit welcher Rückzahlquote unserer Ansicht nach zu rechnen ist, sollte der Schuldner in Zahlungsverzug geraten, also technisch ein Zahlungsausfall eintreten, denn nicht jede Zahlungsstörung bedeutet automatisch einen Komplettverlust. Dabei zeigt das Plus-Zeichen an, dass wir im Falle einer Zahlungsstörung mit einer Erlösquote von mindestens 70% ausgehen, und das Minus-Zeichen zeigt eine erwartete Rückzahlungsquote von unter 30% an. Dazwischen vergeben wir die jeweilige MME-Einschätzung ohne Zusatzsymbol.
Anleihen Finder Redaktion: Wer beauftragt die Mittelstands-Bonitätseinschätzung? Das zu bewertende Unternehmen oder interessierte Geldgeber/ Gläubiger?
Torsten Hinrichs: Auftraggeber für die Mittelstands-Bonitätseinschätzung ist immer das Unternehmen, das diese Einschätzung über sich selbst einholen möchte. Denn die Analyse für unsere MMEs basiert auf der Ratingmethodik für Unternehmen, die wir an dieses Segment mittelständischer Unternehmen angepasst haben. Damit können wir Besonderheiten in Bezug auf Geschäftsrisiken, Geschäftsführung und Liquidität adäquat berücksichtigen.
Anleihen Finder Redaktion: Warum haben Sie sich nicht an Ihr bestehendes Rating Schema (AAA, AA+ etc.) gehalten, sondern neue Kategorien (MM1, MM2) entwickelt? Macht es dies für die Anleger nicht etwas unübersichtlich, bzw. schwerer zu bewerten?
Torsten Hinrichs: Unsere Mittelstands-Bonitätseinschätzung ist kein Rating, ein direkter Vergleich wäre nicht angebracht. Unternehmen in diesem eingegrenzten Segment weisen spezifische Stärken und Schwächen auf, der wir mit einer etwas modifizierten Methodologie gerecht werden wollen. Die Grundgesamtheit für unsere relative Einschätzung der zukünftigen Zahlungsfähigkeit besteht auch ausschließlich aus mittelständischen Unternehmen. Daher ist eine neue Skalierung erforderlich.
Anleihen Finder Redaktion: Vielen Dank!
Anleihen Finder Redaktion
kleines Foto: S&P, großes Foto: Alexandra Bucurescu_pixelio.de
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