Scope: Immer mehr Emittenten bauen mit Mittelstandsanleihen alte Schulden ab – Höheres Risiko bei Umschuldungs-Mittelstandsanleihen

Mittwoch, 24. Juli 2013


„Achte darauf, wofür die Anleihe-Millionen verwendet werden. Wenn sie nicht in Wachstumsprojekte investiert werden, lasse lieber die Finger davon“, so oder so ähnlich sprechen erfahrene Anleger von Mittelstandsanleihen, wenn sie neue Angebote auf dem Markt der Mittelstandsanleihen prüfen.

Investitionen zeigen, dass Unternehmen sich nach vorn bewegen und an sich glauben

Privatanlegern und vor allem institutionelle Investoren sehen es nicht gern, wenn mit ihren Anleihe-Geldern einfach nur Altschulden bedient werden. Investitionen zeigen, dass Unternehmen sich nach vorn bewegen und an sich glauben. Doch der Trend geht in eine andere Richtung: Immer mehr Emittenten von Mittelstandsanleihen nutzen die Millionen-Erlöse, um zum Beispiel Bankkredite abzulösen. Das geht aus einer Untersuchung von Scope Ratings hervor. Scope-Analysten haben sich die Mittelverwendung sämtlicher Mittelstandsanleihen angesehen und herausgefunden, dass in den vergangenen Jahren die Anzahl der Mittelstandsanleihen, die der Refinanzierung bereits bestehender Verbindlichkeiten dienen, ständig gestiegen ist.

Demnach waren im Jahr 2010 noch zwei Drittel der Mittelstandsanleihen für Investitionen vorgesehen. Ein Jahr später waren es nur noch die Hälfte der mittelständischen Unternehmensanleihen. Im letzten Jahr sank ihr Anteil dann bereits auf ein Drittel. Und in diesem Jahr ist es bereits nur ein Drittel aller bislang emittierten Mittelstandsanleihen, die ausschließlich für Investitionen bestimmt sind, berichtet Scope.

Auf der anderen Seite ist der Anteil der Mittelstandsanleihen,  mit denen zum großen Teil bestehende Verbindlichkeiten abgelöst werden sollen, stetig gestiegen: Von unter 20 Prozent in den Jahren 2011 und 2012 auf fast ein Drittel in der ersten Jahreshälfte 2013.

Noch mehr Umschuldungs-Mittelstandsanleihen

Laut Scope emittieren aus folgenden Gründen immer mehr Unternehmen, die keine Kredite mehr von Banken bekommen, Mittelstandsanleihen, um alte Schulden abzubauen: Für die Emittenten sei es günstiger, Mittelstandsanleihen an den Anleger zu bringen, als zusätzliches Eigen- oder Mezzanine-Kapital aufzunehmen. Zinsen für Mittelstandsanleihen zu zahlen, sei preiswerter. Die Zinsen seien – trotz im Vergleich zu anderen Unternehmensanleihen deutlich höheren Kupons – für manche Emittenten immer noch (zu) preiswert.

Ein weiterer Grund für die Attraktivität von Mittelstandsanleihen sei laut Scope, dass  die Covenants-Anforderungen oft deutlich geringer ausfielen als bei Bankfinanzierungen. Die Rating-Experten von Scope erwarten  aus diesen Gründen auch in der zweiten Jahreshälfte „einen anhaltend hohen Anteil von Emissionen zur Refinanzierung bereits bestehender Verbindlichkeiten.“

Die Scope-Analysten fordern, dass sich das  durchschnittlich höhere Risikoprofil von Umschuldungs-Mittelstandsanleihen in der Kuponhöhe niederschlagen sollte. Zwar bieten sämtliche Umschuldungs-Mittelstandsanleihen im Durchschnitt einen um 24 Basispunkte höheren Kupon als Investitions-Mittelstandsanleihen. Aber das reiche nicht: Der Renditeunterschied sei „deutlich zu gering.“

Die Kupons würden bei riskanteren Umschulungs-Anleihen nicht weiter steigen, weil viele Privatanleger nicht nur nach Risiko-Rendite-Aspekten auswählten, sondern auf Basis des Bekanntheitsgrades der Emittentin. Mit steigendem Anteil institutioneller Investoren würde sich der Zins-Spread zwischen Umschuldungs- und Investions-Anleihen „signifikant vergrößern“, schreibt Scope.

Negativ: Anleihe-Millionen für Gesellschafterdarlehen

Umschuldungs-Mittelstandsanleihen seien tendenziell mit höheren Risiken für Anleger verbunden als Investitions-Mittelstandsanleihen, meinen die Scope-Analysten. Statt in künftige Cash-Flows zu investieren, würden bei Umschuldungs-Anleihen lediglich andere Gläubiger – in der Regel Banken – bedient. Faktisch werde mit diesen Mittelstandsanleihen nicht Geld in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit der Emittentin investiert. Negativ bewertet Scope vor allem, wenn die Anleihe-Millionen dazu dienen, Gesellschafterdarlehen zurück zu führen.

Rückblick: In den vergangenen drei Jahren wurden Anlegern laut Scope in Deutschland über 90 Mittelstandsanleihen angeboten. Bei 41 Prozent der Mittelstandsanleihen wurden die Erlöse für Investitionen genutzt. Dagegen wurde bei 23 Prozent das Geld der Anleger zur Ablösung von bestehenden Verbindlichkeiten eingesetzt. Bei 36 Prozent der Mittelstandsanleihen wurde das eingesammelte Kapital sowohl für Investitionen als auch für den Schuldendienst eingesetzt.

Anleihen Finder Redaktion

Foto: Mark Tighe/flickr

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