„Schluss mit der 2-Klassen-Gesellschaft an der Börse“

Montag, 13. Juli 2020


Kolumne von Axel Mühlhaus, edicto GmbH:

Eine ausgeprägte Zwei-Klassen-Gesellschaft gab es am Kapitalmarkt schon immer. Das weiß zwar jeder, nur spricht es niemand offen aus. Vielmehr wird das offizielle Mantra wiederholt, alle Anleger seien gleich wertgeschätzt. Der Ansatz der Gleichbehandlung an sich ist gut und absolut richtig – ABER in der Praxis wird er leider allzu oft nicht beherzigt. Dadurch verschenken Unternehmen Potenziale. Immer noch gibt es oft auf der einen Seite die institutionellen Investmentprofis und dann noch – den Rest. Der Rest, das sind die Privatanleger. Während sie auf harten Stühlen den Unternehmen über den Orchestergraben hinweg zuschauen dürfen, werden Institutionelle bildlich gesprochen zum Meet & Greet mit den Unternehmenslenkern hinter die Bühne gebeten. Der Profi kann den Vorstand auf einer institutionellen Roadshow persönlich in Augenschein nehmen, bekommt das Unternehmen vom CEO in dessen eigenen Worten präsentiert und kann im Anschluss all jene Frage stellen, die ihm auf der Seele brennen.

Es gibt keine Gründe mehr, Privatanleger nicht auf Profiniveau zu adressieren

In der Vergangenheit ließen sich in der Praxis für diese unterschiedliche Kommunikation mit Profis und privaten Anlegern durchaus Gründe finden. Zum einen natürlich, dass die Institutionellen üblicherweise wesentlich tiefere Taschen haben, wenn es gilt, Geld in ein Unternehmen zu investieren. Vor allem aber war klar, dass ein Vorstand – auch wenn er es gewollt hätte – unmöglich mehrere Hundert oder gar Tausend Privatanleger persönlich erreichen konnte. Dazu hätte es mehrmonatiger Privatanlegeroadshows bedurft und manchmal will der Unternehmenslenker sich ja auch noch dem operativen Geschäft widmen. Insofern waren die praxistauglichen Argumente gegen die Zwei-Klassen-Gesellschaft am Kapitalmarkt dünn gesät. Das hat sich allerdings mit der Einführung digitaler Kommunikationsinstrumente deutlich geändert. Direkten Vorstandszugang haben Privatanleger dadurch in aller Regel trotzdem nicht erhalten. Unternehmenslenker und Institutionelle bleiben auch in Videokonferenzen und Conference Calls weiterhin unter sich.

Es geht auch anders – von positiven Effekten profitieren

Über die Gründe, warum Unternehmen Privatanlegern vielfach keine Kommunikationsangebote machen, die institutionellen Investoren gleichgestellt sind, kann nur spekuliert werden. In manchem Vorstandsohr mögen die Einflüsterungen von internationalen Investmentbanken und Corporate Finance Beratern nachhallen, die unverdrossen das Primat der Instis postulieren. Wen wundert es, verdienen die Banker beispielsweise bei Platzierungen an Privatanlegern mehr oder weniger gar nichts – für jeden Bond und jede Aktie hingegen, die von einem Institutionellen gezeichnet werden, sind die Fees immer noch sehr auskömmlich. Ähnliches gilt für die laufende Investor Relations: An eine institutionelle Roadshow kann man ein Preisschild kleben, an den Kontakt mit Privatanlegern nicht.

Die kommunikative Benachteiligung von Privatanlegern hat zwar Tradition – wird sich aber ändern. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern nur noch wann. Denn in der digitalen Welt sind längst alle Kommunikationstools vorhanden, damit verschiedene Investorengruppen auf Augenhöhe angesprochen werden können. Closed Shops sind dafür auch nicht notwendig. Formate, wie beispielsweise IR-CALL bieten Unternehmens CEOs schon jetzt die Möglichkeit, Privatanleger umfassend und vor allem dialoghaft zu adressieren. Wichtig dabei ist natürlich, die Eintrittsbarriere für diese Anlegergruppe niedrig zu halten und trotzdem die Kommunikationshoheit zu behalten. Im Gegenzug können Unternehmen auf der Eigen- und Fremdkapitalseite so zusätzliche Anleger adressieren, nicht zuletzt die Liquidität der entsprechenden Wertpapiere wird davon tendenziell profitieren.     

Axel Mühlhaus, edicto GmbH

Foto: pixabay.com

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