„Fußnote“: Substanz schlägt Momentum

Mittwoch, 17. Juni 2026 Lesezeit: 5 Minuten Allgemein, Kolumne

Ein Blick auf den KMU-Anleihemarkt von Markus Knoss, BankM AG:

Momentum kann Erwartungen verändern, aber keine langfristigen Probleme lösen. Das gilt im Fußball wie in der Wirtschaft. Am Markt für KMU-Anleihen zählen deshalb mehr denn je belastbare Cashflows, klare Ertragskraft und eine realistische Unternehmensplanung.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ist mehr als ein sportliches Großereignis. Sie ist globaler Stimmungsfaktor, wirtschaftlicher Impulsgeber und Spiegelbild ökonomischer Dynamiken. Allein die Vorfreude auf das Großereignis könnte der Wirtschaft neuen Schwung verliehen haben. So zumindest die Interpretation des ifo-Instituts zum leichten Anstieg des ifo-Geschäftsklimaindex.

Historisch betrachtet wirken große Turniere wie ein temporärer Beschleuniger. Ausschlaggebend dafür: Steigende Konsumausgaben, höhere Nachfrage in Tourismus und Gastronomie und zusätzliche Marketing- und Werbeimpulse. Dieser Impuls wird häufig durch den sogenannten „Sommermärchen-Effekt“ verstärkt, eine kollektive Aufhellung der Stimmung, die sich auf wirtschaftliches Verhalten überträgt.

Doch Vorsicht: Während auf dem Spielfeld Momentum über Sieg oder Niederlage entscheidet, ist die Realität der Wirtschaft eine andere. Nachhaltiger Erfolg basiert auf Substanz, nicht auf kurzfristiger Euphorie. Ein erfolgreicher WM-Verlauf kann kurzfristig Optimismus erzeugen. Investoren können wieder risikobereiter werden und der Kapitalzugang sich temporär erleichtern. Aber ohne fundamentale Stärke wird dieser Effekt verpuffen.

Stimmung verbessert, Probleme bleiben

Schauen wir also auf die Detailanalysen. Und hier offenbaren die aktuellen ifo-Zahlen weiterhin strukturelle Schwächen. Rund ein Viertel der Unternehmen erwartet eine Verschlechterung der Geschäfte. Nur etwa 15% rechnen mit einer Verbesserung. Jedes zwölfte Unternehmen sieht seine Existenz gefährdet. Die Lage hat sich stabilisiert, aber die tieferliegenden Probleme bleiben ungelöst.

Daran wird auch die Fußball-WM nichts ändern. Stattdessen nimmt die Spreizung teilweise sogar zu. Vom kurzfristigen Momentum profitieren vor allem Unternehmen mit direkter Nachfragewirkung, flexiblen und skalierbaren Geschäftsmodellen sowie Kapitalmarkterfahrung und stringenter Kommunikation. Unternehmen, die strukturell sowieso schon unter Druck stehen, haben hingegen häufig das Nachsehen. Besonders kritisch bleiben die Branchen Handel und Bau. Steigende Kosten und schwache Nachfrage, dazu eine Bürokratie so erdrückend wie Frankreichs Dreimannsturm aus Dembélé, Mbappé und Olise.

Übertragen auf den KMU-Anleihemarkt, kann eine gute Investmentstory den Start einer Transaktion befeuern. Lässt ein Emittent positive Meldungen folgen, steigt die Investorennachfrage, vergleichbar mit wachsendem Vertrauen bei erfolgreichem Verlauf der Gruppenphase. Mit Eintritt in die K.o.-Runde erfolgt die eigentliche Belastungsprobe. Für die Unternehmen bedeutet das: Wird Konjunkturdruck und Liquiditätsanforderungen standgehalten? Stimmt die operative Performance? Dann das große Finale, die Rückzahlung oder Refinanzierung. Hier kommt es auf nachhaltige Kapitalmarktfähigkeit und erfolgreichen Vertrauensaufbau an.

Mittelstand ist nicht SpaceX

Entscheidend ist am Ende also nicht die Story, sondern die messbare Entwicklung über die gesamte Emissionslaufzeit. So wie im Fußball Punkte und Titel zählen und nicht wer am schönsten gespielt oder die meisten Tore geschossen hat. Zumal die aktuellen Rahmenbedingungen das Verhalten von Investoren nachhaltig verändert haben. Der Fokus hat sich klar Richtung Substanz verschoben. Die Schlüsselthemen sind belastbare Cashflows, klare Ertragskraft und eine realistische Unternehmensplanung. Vielleicht nicht bei SpaceX, aber im Mittelstand.

Für KMUs, die den Kapitalmarkt professionell nutzen (wollen) bietet dieses Umfeld eine oft unterschätzte strategische Chance. Je schwieriger der Markt, desto größer die Differenzierungsmöglichkeiten. Unternehmen, die sich heute ein klares Geschäftsmodell geben, ihre Kapitalstruktur aktiv ordnen, höhere Transparenzanforderungen erfüllen, regelmäßig kommunizieren und eine nachvollziehbare Mittelverwendung aufweisen, können sich nachhaltig positionieren und Wettbewerbsvorteile aufbauen. Kapital wird nicht mehr einfach nur „verteilt“, sondern gezielt allokiert. Qualität wird stärker belohnt.

More than a game

Mein Fazit lautet deshalb „more than a game“, aber kein Selbstläufer. Die WM 2026 wird kurzfristig positive Impulse setzen, emotional, wirtschaftlich und teilweise auch kapitalmarktseitig. Doch die aktuellen ifo-Daten zeigen klar, dass der Mittelstand sich weithin in einem Umfeld hoher Unsicherheit und strukturellen Drucks bewegt. Kapital bleibt verfügbar, aber selektiv. Vertrauen muss aktiv erarbeitet werden und Qualität entscheidet stärker als je zuvor.

Für den DACH-Mittelstand heißt das, kurzfristige Chancen nutzten, langfristige Stärke aufbauen und Vertrauen durch Performance schaffen. Denn am Ende gilt im Fußball wie im Kapitalmarkt: Gewinnen wird nicht der mit dem größten Rückenwind, sondern der mit der besten Umsetzung.

Markus Knoss, BankM AG

HINWEIS: Dieser BEITRAG erschien zunächst in der neuen Ausgabe des Anleihen Finder Newsletters (09-2026). Registrieren Sie sich hier für unseren KOSTENLOSEN NEWSLETTER und seien Sie stets informiert.

Markus Knoss ist zugelassener Börsenhändler und Certified Investor Relations Officer und verfügt über jahrelange Erfahrung in verschiedenen leitenden Positionen im Aktienhandel, Salestrading und Portfoliomanagement. Der ausgewiesene Experte für Nebenwerte im deutschsprachigen Raum ist seit 2013 für die BankM AG tätig und verantwortlich für den Bereich Business Development DACH.

Portraitfoto: Markus Knoss, BankM AG

Titelfoto: pixabay.com (Symbolbild)

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