„Fußnote“: Paradigmenwechsel – Der Weg vom IPO zum IBO ist keine Einbahnstraße mehr

Dienstag, 27. April 2021


Ein Blick auf den KMU-Anleihen-Markt von Markus Knoss, BankM AG:

Mittelständler befinden sich am Kapitalmarkt aktuell in einer glücklichen Lage. Sowohl der Aktien- als auch der Anleihemarkt sind aufnahmefähig für stabile Geschäftsmodelle und spannende Investmentstories. Dies ist nicht oft gleichzeitig der Fall und deshalb sollten Emittenten die Gelegenheit nutzen, sich zweigleisig aufzustellen.

Als die Dürr AG im September 2010 mit der ersten Mittelstandsanleihe ein neues Marktsegment begründete, war der Maschinenbauer bereits seit über 20 Jahren an der Börse notiert. Kein Wunder, war der Gang an den Kapitalmarkt doch lange Zeit gleichbedeutend mit einem IPO (Initial Public Offering). Natürlich gab es auch früher schon Unternehmensanleihen, doch die Begebung war  in aller Regel den großen, bereits börsennotierten Gesellschaften vorbehalten.

Seit jener ersten Mittelstandsanleihe der Dürr AG, hat sich das grundlegend geändert. Heute ist es ganz normal, dass auch privat geführte Unternehmen sich über den Anleihemarkt finanzieren. Längst hat die Zahl der IBOs (Initial Bond Offering) die der IPOs in Deutschland weit hinter sich gelassen. Aktuelle Emissionen wie Zeitfracht oder Werder Bremen bestätigen den Trend.

Die meisten Emittenten sind zudem gekommen, um zu bleiben. Die Mittelständler haben gelernt, dass der Kapitalmarkt eine verlässliche Finanzierungsquelle ist. Wer über ein stabiles Geschäftsmodell verfügt, seine Investoren regelmäßig informiert und die Zinsen pünktlich bedient, kann sich über Aufstockungen oder Folgeanleihen immer wieder neue Mittel beschaffen. Durch den zunehmenden Track-Rekord in der Regel zu verbesserten Konditionen.

FCR Immobilien AG hat es vorgemacht

Ein gutes Beispiel für diesen Prozess ist die FCR Immobilien AG. Standen beim IBO 2016 noch 7,1% auf dem Kupon, folgten seitdem drei weitere Bonds mit Zinssätzen von 6%, 5,25% und zuletzt 4,25%. Die FCR Immobilien AG ist aber noch einen Schritt weiter gegangen: Im November 2018 folgte der Börsengang im Premium-Freiverkehrssegment Scale. „Mit unseren Anleihen haben wir bereits eine Erfolgsgeschichte am Kapitalmarkt geschrieben, mit der FCR-Aktie möchten wir ein weiteres Kapitel hinzufügen“ begründete FCR-Gründer und Vorstand Falk Raudies die Notierungsaufnahme.

Der Börsengang war für die FCR eine wichtige Weichenstellung, um das profitable Wachstum weiter zu forcieren und die Ansprache von Investoren weiter auszubauen. Die BankM AG begleitete die Gesellschaft als Capital Market Partner in der Strukturierung. Im Zuge eines einfachen Listings wurde der finanzielle und administrative Aufwand beschränkt und gleichzeitig der Weg für künftige Eigenkapitalmaßnahmen bereitet.

Seitdem hat die FCR sich sowohl über mehrere Kapitalerhöhungen als auch über weitere Anleihen an der Börse finanziert. Diese Flexibilität ist ein Vorteil, den auch andere Akteure am Markt für KMU-Anleihen für sich in Betracht ziehen sollten. Aktuell ist die Tür weit offen, denn sowohl die Aktien- als auch die Bondmärkte präsentieren sich in guter Verfassung und sind aufnahmefähig für spannende mittelständische Emittenten. Schaut man in die Vergangenheit, ist dies jedoch eher selten der Fall. Je nach Umfeld, steht Mittelständlern oftmals nur ein Weg offen. War dies lange Zeit der Eigenkapitalmarkt, hatte in den letzten Jahren der Bondmarkt die Vorreiterrolle übernommen.

Einfaches Listing eröffnet zusätzliche Optionen

Dies muss aber nicht so bleiben. Vor wenigen Wochen etwa, schürte der Renditeanstieg bei Staatsanleihen die Angst vor steigenden Zinsen. Zwar hat sich die Aufregung schnell wieder gelegt, doch die Inflationsgefahr infolge der massiven weltweiten Konjunkturprogramme lässt sich nicht wegdiskutieren. Auch Insolvenzen wie die der Joh. Friedrich Behrens AG können den Zugang zum Bondmarkt vorübergehend einschränken.    

Bislang hat sich der KMU-Anleihemarkt in der Corona-Pandemie als erfreulich stabil erwiesen und viele Zweifler eines Besseren belehrt. Dennoch ist es nie verkehrt, mehrere Pfeile im Köcher zu haben. Zumal wir am Eigenkapitalmarkt gerade einen regelrechten Boom wahrnehmen. Vor allem der Sekundärmarkt ist in Bewegung, Kapitalerhöhungen sind gefragt wie lange nicht. Die Tür für Anleihe-erprobte Mittelständler steht weit offen. Sie haben bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad bei Investoren und Regularien – und Transparenzpflichten an der Börse sind ihnen genauso wenig fremd wie die Erstellung eines Wertpapierprospekts.

Gerade Emittenten, deren Anleihen noch laufen und die keinen unmittelbaren Liquiditätsbedarf haben, können über ein einfaches Listing relativ unkompliziert und kostengünstig Aktien handelbar machen und ohne Finanzierungsdruck Erfahrungen sammeln und Investorenkontakte aufbauen. War früher ein Börsengang mehr oder weniger Voraussetzung für eine spätere Anleiheemission, ist es an der Zeit, den Spieß umzudrehen.

Markus Knoss, BankM AG

Markus Knoss ist zugelassener Börsenhändler und Certified Investor Relations Officer und verfügt über jahrelange Erfahrung in verschiedenen leitenden Positionen im Aktienhandel, Salestrading und Portfoliomanagement. Der ausgewiesene Experte für Nebenwerte im deutschsprachigen Raum ist seit 2013 für die BankM AG tätig und verantwortlich für den Bereich Business Development DACH.

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