„Fußnote“: Fußball und Philosophen – Der KMU-Anleihemarkt zum Jahresende
Ein Blick auf den KMU-Anleihemarkt von Markus Knoss, BankM AG:
Zwei Anleihen haben zum Jahresende den KMU-Markt geprägt und stehen sinnbildlich für Chancen und Risiken im Mittelstandssegment. Was lässt sich mit Blick auf 2026 daraus ableiten? Wir wagen einen Ausblick inklusive Überraschungstipp und Weihnachtswunsch.
Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey… Im dritten Jahr nach dem letzten Bundesliga-Abstieg steht Schalke 04 sportlich so gut da wie lange nicht. Die Chancen auf einem Aufstiegsplatz zu überwintern sind drei Spieltage vor Ende der Vorrunde hoch. Doch nicht nur sportlich läuft es aktuell rund, auch finanziell hat der Verein mit der erfolgreichen Emission der Anleihe 2025/2030 einen großen Sprung gemacht.
90 Millionen Euro flossen letztendlich in die Kassen der Knappen. 15 Millionen Euro im Rahmen einer Privatplatzierung und 75 Millionen Euro über das öffentliche Angebot. Letzteres hatte ursprünglich bis zu 50 Millionen Euro betragen, war kurz vor Ende der Zeichnungsfrist aber angehoben worden. Wie groß die Nachfrage war, zeigt, dass auch das finale Volumen immer noch deutlich überzeichnet war.
Die neue finanzielle Handlungsfähigkeit will der Traditionsverein dazu nutzen, die Planungen langfristig und nachhaltig auszurichten und die Finanzstruktur gezielt zu optimieren. So werden mit dem Emissionserlös zunächst die ausstehenden Anleihen 2021/2026 und 2022/2027 im Gesamtvolumen von rund 50 Millionen Euro zurückgeführt. Die Mehrheit der Gläubiger hat das Umtauschangebot auf die neue Anleihe wahrgenommen, knapp 22 Millionen Euro werden zum Jahresende vorzeitig abgelöst.
Licht und Schatten
Die Transaktion steht sinnbildlich für ein unter dem Strich sehr positives KMU-Anleihejahr. 2025 hat eine große Vielfalt an Emissionen aus den unterschiedlichsten Branchen gesehen, von denen die meisten gut aufgenommen wurden. Schaut man auf die Finanzkennzahlen so haben viele Emittenten im abgelaufenen Jahr „geliefert“. Die Resonanz auf das öffentliche Angebot von Schalke zeigt zudem, dass das Vertrauen der Anleger, speziell auch der Privatanleger, langsam zurückkommt. Wobei ein Kultverein mit über 200.000 Mitgliedern natürlich nicht als allgemeingültiger Maßstab taugt. Aber es zeigt, was möglich ist.
In negativer Hinsicht hat dies fast zeitgleich die Umsatz- und Gewinnwarnung der Abo Energy GmbH & Co. KGaA vor Augen geführt. Für viele Anlegerinnen und Anleger ein absoluter Schock. Immerhin hat das Unternehmen eine 80 Millionen Euro Nachranganleihe im Feuer. Was Brancheninsider schon seit längerem beobachten scheint jetzt Wirklichkeit zu werden: Die Asset-Klasse der „Renewables“ muss ihre Geschäftsmodelle drastisch überdenken. Die Abo Energy dürfte hier nur die Spitze des Eisbergs sein.
Die Branche leidet unter einem gefährlichen Cocktail aus politischer Planungsunsicherheit, dem Schreckgespenst negativer Strompreise und einem Überangebot an Strom. Der reduzierte Abnahmepreis bei den Auktionen der Bundesnetzagentur im Mai und August hatte letzteres bereits klar vor Augen geführt hat. Angesichts der turbulenten Gesamtgemengelage sind bei vielen Projekten hohe Abschreibungen und Verschiebungen zu befürchten. Um die gestiegenen Risiken adäquat einzupreisen werden Investoren ihre Renditeanforderungen deutlich erhöhen müssen.
Segel neu setzen
Sowohl Schalke, als auch Abo Energy waren die bestimmenden Gesprächsthemen unter KMU-Spezialisten auf dem Eigenkapitalforum der Deutsche Börse Group, das Ende November traditionell den Schlussakkord im Austausch zwischen börsennotierten Unternehmen und institutionellen Investoren setzt. Die Erfahrungen aus beiden Fällen werden in künftige Investitionsentscheidungen einfließen und bestimmen damit den Ausblick auf 2026.
Als Tenor eignet sich ein Zitat, das Aristoteles zugeschrieben wird: „Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel neu setzen.“ Die wichtigsten Megatrends sind dabei nicht gänzlich neu. Künstliche Intelligenz, Wohnungsbau, Infrastruktur, Gesundheit und der Verteidigungsbereich werden weiter eine dominierende Rolle spielen. Hieraus ergeben sich in der Allokation klar die kommenden Finanzströme. Dazu könnte der Automotive-Sektor kommendes Jahr ein Comeback feiern.
Ja, Sie haben richtig gelesen. Natürlich muss die Lage bei Herstellern und Zulieferern weiter genau beobachtet werden. Doch wenn sich die anziehenden Absatzzahlen, die der europäische Branchenverbandes ACEA veröffentlicht hat fortsetzen, könnte das negative Sentiment sich Mitte 2026 endlich vollends verflüchtigen. Die Zahl der verkauften Autos ist zuletzt mehrere Monate in Folge gestiegen, wozu besonderes die Nachfrage nach Elektroautos beigetragen hat. Sollte die EU-Kommission jetzt noch den Aktionsplan zur Dekarbonisierung entschärfen, könnte das der Branche zusätzlichen Rückenwind verleihen.
Wunsch nach Rückenwind
Rückenwind erhoffen wir uns auch strukturell. So setzt die Initiative des Interessenverbandes kapitalmarktorientierter kleiner und mittlerer Unternehmen e.V. einen neuen German Bond Standard und positioniert das Image des Segments im und für den deutschen Kapitalmarkt damit neu. Dies gilt vor allem für höhervolumige öffentliche Emissionen, wird aber auch auf kleinere Privatplatzierungen abstrahlen.
Bleibt zu hoffen, dass auch auf der politischen Ebene Erleichterungen umgesetzt werden. Allerdings wird der EU Listing Act vom 4. Dezember 2014, der das Ziel verfolgt, Kapitalmärkte speziell für kleinere und mittelständische Unternehmen attraktiver und günstiger zu machen, in vielen Punkten wohl frühstens Mitte 2026 in Kraft treten. Dem Vernehmen nach sind weitere Verzögerungen jedoch wahrscheinlich. Aber so kurz vor Weihnachten sind Wünsche ja erlaubt.
Wünschen werden sich die Schalker Fans vor allem den Aufstieg. Davon würden auch die Investoren profitieren, enthält die neue Anleihe doch einen Bundesliga-Bonus. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Für heute wünschen das gesamte BankM-Team und ich allen Anleihe-Freunden erst einmal eine erholsame Adventszeit zum Besinnen und Krafttanken für ein spannendes und erfolgreiches Jahr 2026!
Markus Knoss, BankM AG

Markus Knoss ist zugelassener Börsenhändler und Certified Investor Relations Officer und verfügt über jahrelange Erfahrung in verschiedenen leitenden Positionen im Aktienhandel, Salestrading und Portfoliomanagement. Der ausgewiesene Experte für Nebenwerte im deutschsprachigen Raum ist seit 2013 für die BankM AG tätig und verantwortlich für den Bereich Business Development DACH.
Portraitfoto: Markus Knoss, BankM AG
Titelfoto: pixabay.com (Symbolbild)
Weitere „Fußnoten“-Kolumnen:
„Fußnote“: Deutscher Anleihe-Zug – Grünes Licht für Reform der Infrastruktur
„Fußnote“: Wie du säest, so wirst du ernten
„Fußnote“: Fünf auf einen Streich – Der KMU-Markt meldet sich zurück
„Fußnote“: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?
„Fußnote”: Ausblick 2025 – Bonjour Tristesse oder Cinderella-Story?
„Fußnote”: New Age statt Blues
„Fußnote“ von Markus Knoss: Es grünt so grün
„Fußnote“: Das gierige Biest ist handzahm geworden
„Fußnote“: Asterix und der Anleihemarkt
„Fußnote“: Erfolgreiche Anleiheemission – Auf den Beipackzettel achten
„Fußnote“: Wo laufen sie denn?
„Fußnote“: Alles PRIIPs, oder was?
„Fußnote“: Immobilienwerte – Die Kirche im Dorf lassen
„Fußnote“: Verstärkung für Team Wandelanleihe
„Fußnote“: Unser Mittelstand kann Krise!
„Fußnote“: Anleiherückkauf – Schuldenmanagement und mehr
„Fußnote“: KMU-Anleihen – Ein Quantum Trost
„Fußnote“: Genussscheine – Aussterbende Spezies oder Renaissance?
„Fußnote“: „Inflationsanleihen – Wer wird das Massachusetts der Mittelständler“
Anleihen Finder News auf Twitter, LinkedIn und Facebook oder im Newsletter abonnieren





