„Fußnote“: Es grünt so grün – auch am KMU-Markt?

Dienstag, 8. September 2020


Ein Blick auf den KMU-Anleihen-Markt von Markus Knoss, BankM AG:

Mit einem weltweiten Emissionsvolumen von mehr als 250 Milliarden US-Dollar im Jahr 2019 sind Green Bonds – also Schuldtitel zur Kapitalbeschaffung für konkrete, umweltfreundliche Projekte – weit mehr als eine Modeerscheinung. Längst hat sich Nachhaltigkeit zu einem zentralen Thema und wichtigen Anlagekriterium entwickelt. Zwar dominieren supra-nationale Emittenten mit AAA-Rating, aber auch der KMU-Markt wird grüner.

33 Milliarden Euro – die Orders für die erste grüne Bundesanleihe überstiegen das Angebot bei Weitem. Am Ende spülte das Nullzinspapier mit zehnjähriger Laufzeit 6,5 Milliarden Euro in die Regierungskasse. Geld, mit dem der Bund zum Beispiel Ladestationen für E-Autos, Industriestrom aus Wasserstoff oder Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern fördern möchte. Knapp eine Woche nach der Emission steht der Kurs bei knapp 105%, die Anleger zahlen also drauf.

Ging es bislang ausschließlich um das magische Dreieck aus Rendite, Risiko und Liquidität, kommt mit Nachhaltigkeit ein weiterer wesentlicher Aspekt hinzu, mit dem sich Asset-Manager vom Wettbewerb unterscheiden können. Gerade langfristig orientierte Anleger werden sich des Ausmaßes und der potenziellen Folgen des Klimawandels bewusst und nutzen ESG-Filter, die Umweltaspekte (Environment), soziale Standards (Social) und Grundsätze der Unternehmensführung (Governance) berücksichtigen, um finanziell-motivierte Renditeziele mit werte-orientierten Nachhaltigkeitszielen zu verbinden.

Zumal sich mit der Berücksichtigung von ESG-Kriterien essentielle Geschäftsrisiken auf lange Sicht besser erkennen lassen. Die Gefahr von Reputationsschäden, Prozessen und Schadensersatz- oder Bußgeldzahlungen für bspw. Umwelt- oder Personenschäden wird deutlich reduziert. Laut einer Fidelity-Studie ist die Ausfallwahrscheinlichkeit bei Bond-Emittenten mit dem schlechtesten ESG-Rating 1,5 Mal so hoch wie bei jenen mit der höchsten Bewertung. Auch schwanke der Kurs nachhaltiger Unternehmensanleihen weniger. Nachhaltigkeitsuntersuchungen und -kriterien können insofern Investoren befähigen, finanziell erfolgreichere Entscheidungen zu treffen.

Das grüne Anlageuniversum wird dabei immer größer. Seitdem die Europäische Investitionsbank (EIB) 2007 den ersten Green-Bond emittierte, gab es zahlreiche Nachahmer. In Deutschland zunächst vor allem die KfW, bevor Innogy 2017 eine Benchmark-Anleihe über 850 Millionen Euro auflegte. Auch im KMU-Segment erfolgten in den letzten Jahren zahlreiche erfolgreiche (u.a. PNE Wind, StudierendenGesellschaft Witten/Herdecke, Photon Energy, Prokon, Deutsche Bildung) und weniger erfolgreiche (u.a Windreich, MT-Energie, SAG Solar) Emissionen im Einklang mit den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen.

Einiges spricht dafür, dass die Entwicklung weiter an Fahrt gewinnt. Denn gerade im Moment vereinen sich viele Einflussfaktoren zu einem positiven Gesamtgemisch:

  • Umweltbewusstsein und moralisches Gewissen werden durch aktuelle gesellschaftliche Einflüsse geschärft.

  • Technologische/ökologische Entwicklungen erreichen Serienreife und gesellschaftliche Akzeptanz.

  • Die Qualität der grünen KMU-Emittenten wird durch die Investoren und ihre sich selbst auferlegten ESG-Parameter detaillierter geprüft.

  • Studienergebnisse belegen über einen längeren Zeitraum eine Outperformance von Unternehmen, welche eine strikte ESG Politik verfolgen.     

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Die Corona-Pandemie hat die Aufmerksamkeit noch einmal erhöht. Fiel der Erdüberlastungstag, also der Tag an dem der Mensch die natürlichen Ressourcen der Erde für das laufende Jahr rechnerisch verbraucht hat, 2019 auf den 29. Juli, verschob er sich in diesem Jahr auf den 22. August. Neben steigender Aufmerksamkeit sind zunehmende Regulierung und steigende Transparenz die Treiber für den Green-Bond-Markt.

Aber obwohl Vorschläge für ein Bewertungsraster für nachhaltige Investments und einen EU-Green-Bond-Standard auf dem Tisch liegen, gibt es derzeit ähnlich wie bei Bio-Siegeln für Lebensmittel noch (zu) viele unterschiedliche Definitionen, Merkmale und Abstufungen. Datenbanken von staatlichen Stellen konkurrieren mit Angeboten von Nichtregierungsorganisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen sowie ESG-Scoring- und ‑Bewertungssystemen von Ratingagenturen. Am gängigsten ist es immer noch, Green-Bonds über die Mittelverwendung zu definieren. Doch wie grün sind Anleihen zur Finanzierung von Windkraft, wenn der Emittent gleichzeitig Atomkraftwerke betreibt? Und sollte umgekehrt eine Bergbaugesellschaft Green Bonds begeben können, die das Kupfer schürft, das für die Windkrafträder tonnenweise benötigt wird?

Einheitliche Antworten auf diese und ähnliche Fragen zu finden ist nicht einfach. Anders sieht es bei der ökonomischen Berechenbarkeit und Verlässlichkeit der Geschäftsmodelle aus. Diese hat sich im grünen Segment erheblich verbessert wie auch die Qualität der Emittenten insgesamt. Dadurch sind die Chancen für KMU-Emittenten erfolgreich am Green-Bond-Markt zu debütieren und mit der Zeit ein eigenes Untersegment zu begründen, extrem gestiegen. Eine Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Auch kleinere Technologieführer können sich über den Kapitalmarkt refinanzieren, der Investor hat zu einer marktgerechten Verzinsung ein gutes Gewissen und die Umwelt wird gleichzeitig entlastet, wovon wir alle profitieren.

In diesem Sinne: Lassen wir den KMU-Markt ergrünen!

Markus Knoss, BankM AG

Markus Knoss ist zugelassener Börsenhändler und Certified Investor Relations Officer und verfügt über jahrelange Erfahrung in verschiedenen leitenden Positionen im Aktienhandel, Salestrading und Portfoliomanagement. Der ausgewiesene Experte für Nebenwerte im deutschsprachigen Raum ist seit 2013 für die BankM AG tätig und verantwortlich für den Bereich Business Development DACH. 

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