„Fußnote“: Das Tollhaus der Kapitalmärkte – Verrückt, aber durchaus attraktiv
Ein Blick auf den KMU-Anleihemarkt von Markus Knoss, BankM AG:
Donald Trump macht Donald Trump Dinge, die Märkte fahren Achterbahn und der Markt für KMU-Anleihen zeigt sich trotz gestiegener Spreads erstaunlich widerstandsfähig. Meine positive Einschätzung vom Jahresbeginn hat aktuell vielleicht ein paar Kratzer bekommen, aber das Fundament des Mittelstandsegments scheint insgesamt stabiler geworden zu sein.
Willkommen im Tollhaus der Kapitalmärkte. Nichts anderes fiel mir spontan ein, als ich die letzten Wochen Revue passieren ließ. Die Finanzwelt hält ob der nie dagewesenen Eskapaden von US-Präsident Donald Trump und seiner Administration den Atem an. Jeden Tag, jede Stunde wird auf die neuesten Statements aus dem Oval Office bzw. auf „Truth Social“ gewartet. In der Zwischenzeit fahren die Finanzmärkte rund um den Globus Achterbahn.
Der Zusammenhang zwischen den Aussagen von Donald Trump sowie seiner engsten Vertrauensleute und den teils verrücktesten Kursbewegungen ist seit Ausbruch des Krieges im Iran mehr als deutlich. So deutlich, dass die Rufe nach Insideruntersuchungen der SEC zu möglichen Marktmanipulationen immer lauter werden. So weit wird es wahrscheinlich nicht kommen. Fakt bleibt aber, dass es immer schwerer wird verlässliche Prognosen oder wirtschaftliche Ableitungen zu treffen.
Selten war die Kluft zwischen einer möglichen globalen Rezession und einer möglichen raschen Erholung so groß war wie heute. Auf der einen Seite drohen immense Kursverluste, dagegen steht das Risiko nicht wirklich investiert zu sein und gegen sämtliche Benchmarks an Boden zu verlieren. Das Ergebnis ist eine seltene Patt-Situation. Man fährt „auf Sicht“ und hofft, dass neue Schreckensmeldungen ausbleiben. Real News, Fake News, Ankündigungen oder Dementierungen, es geht zu wie in einer Nervenanstalt. Anders lässt sich die extreme Volatilität derzeit kaum beschreiben.
Neuemissionen bleiben in Warteposition
Es ist klar, dass diese globalen Verwerfungen und Neukalibrierungen nicht spurlos am Mittelstandsmarkt für Anleihe-Emissionen vorübergehen. War ich zu Beginn des Jahres noch sehr positiv gestimmt was das Sentiment und die sich hieraus ergebenden Marktbeobachtungen ergab, so zeigen die aktuellen Signale deutlich, wie sehr das Segment im derzeitigen Umfeld zu kämpfen hat.
Die Spreads im High-Yield Markt weiteten sich zum Ende des ersten Quartals deutlich gegenüber Staatsanleihen aus und mit Blick auf das Emissionsgeschehen lässt sich temporär annähernd ein Stillstand beobachten. Aktuell kommen lediglich einige (kleinere) Privatplatzierungen an den Markt, große, schwere Bonds sind zwar in der Pipeline, bleiben jedoch in der Warteposition.
Die aktuelle Situation zeigt aber auch etwas Erfreuliches: Der KMU-Anleihenmarkt ist erstaunlich widerstandsfähig geworden. Im Vergleich zu früheren Phasen mit starken Rückgängen mussten diesmal weniger Investoren in Panik verkaufen. Das liegt vor allem an einer vorsichtigeren Anlagestrategie und besserem Liquiditätsmanagement. Zusätzlich stabilisieren eine tiefere Marktstruktur und anhaltende Nachfrage die Kurse.
Rufe nach Verbesserungen wurden erhört
Hier zeigt sich einmal mehr, dass aus Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde. Wie von uns und anderen immer wieder gebetsmühlenartig gefordert, wurden Sicherheitenstrukturen und Going-Public-Qualifikationen deutlich verbessert. Aber weil Stillstand Rückschritt bedeutet, werden wir im anstehenden Arbeitskreis „Banken“ des KMU-Verbandes die Ergebnisse der Investorenumfrage analysieren und Handlungsempfehlungen für den geplanten German SME Bond Standard ableiten.
Schön zu sehen ist auch, dass viele KMU-Emittenten in der laufenden Berichtssaison sehr solide Zahlen präsentiert haben. Schon jetzt waren einige sehr positive „Estimate Beats“ zu verzeichnen, weitere werden mit Sicherheit folgen. Der Mittelstand beweist zum wiederholten Mal, dass er flexibel aufgestellt ist und sich auf (fast) alle Marktgegebenheiten einstellen kann.
Mein persönliches Highlight in diesem Zusammenhang ist Singulus. Lange ein Sorgenkind, ist die Gesellschaft eine langfristige Zusammenarbeit mit einem weltweit führenden Technologieunternehmen eingegangen. Neben operativen Impulsen ermöglicht dies auch eine Neuausrichtung der Finanzierungsstruktur. Ein Ausfluss dessen ist die vorzeitige Ablösung der Anleihe. Leider verabschiedet sich Singulus damit vorerst vom KMU-Segment. In der Ex-Post Betrachtung war der Anleihemarkt aber ein wichtiges Element für die positive Wende.
Singulus, Netfonds und JDC überzeugen
Erwähnen will ich zudem die Netfonds AG mit ihrem Mittelstandsbond 24/29. Netfonds hat ein Investment Agreement mit Warburg Pincus geschlossen und formt eine strategische Allianz mit blau direkt in gemeinsamer Eigentümerstruktur. Chapeau an die Bondinvestoren, die sich neben einer schönen Verzinsung zusätzlich an Kursgewinnen erfreuen dürfen. Seit der Emission hat die Anleihe immer bei bzw. deutlich über pari gehandelt.
Nicht vergessen will ich die JDC Group AG mit ihrem dritten laufenden Jung DMS & Cie. GmbH KMU-Bond. JDC hat in einem wirtschaftlich und geopolitisch schwierigen Jahr das gemacht, was Nebenwerte-Fans besonders lieben: Nämlich „geliefert“. Einen Rekordumsatz, deutlich steigende Profitabilität und ein Schlussquartal, welches die eingeschlagene Strategie wie einen Befreiungsschlag aussehen lässt. Erstmals über EUR 70 Mio. Umsatz in einem Quartal und ein Q4-EBITDA von EUR 9,8 Mio. markieren neue Bestmarken. Ebenso wird die Einbeziehung der KI-Welt immer konkreter und praxistauglicher. Auch hier wurden die Bondinvestoren bislang immer mit Kursen deutlich über pari belohnt.
Sie sehen, selbst in den verrücktesten Häusern spielen sich auch viele positive Dinge ab. Wenn wir davon ausgehen, dass das „Tollhaus Kapitalmarkt“ sich in naher Zukunft normalisiert, die Sonne auch morgen wieder aufgeht und Pragmatismus, Realitätssinn und professionelle Berater überall wieder die Oberhand gewinnen, so bleibe ich positiv gestimmt. Der KMU-Anleihemarkt lebt und bietet attraktive Renditechancen.
Markus Knoss, BankM AG

Markus Knoss ist zugelassener Börsenhändler und Certified Investor Relations Officer und verfügt über jahrelange Erfahrung in verschiedenen leitenden Positionen im Aktienhandel, Salestrading und Portfoliomanagement. Der ausgewiesene Experte für Nebenwerte im deutschsprachigen Raum ist seit 2013 für die BankM AG tätig und verantwortlich für den Bereich Business Development DACH.
Portraitfoto: Markus Knoss, BankM AG
Titelfoto: pixabay.com (Symbolbild)
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