„Die Corona-Pandemie wirft uns um ca. 3 Jahre zurück“ – SANHA-Chef Bernd Kaimer im Interview

Dienstag, 12. Mai 2020


Am 25. Mai 2020 sollen die Anleihegläubiger der SANHA GmbH & Co. KG erneut über eine Anpassung der Anleihebedingungen der im Jahr 2013 begebenen SANHA-Anleihe (ISIN: DE000A1TNA70) abstimmen. Bereits im Jahr 2017 wurde die Anleihe des Essener Rohrleitungs-Herstellers um fünf Jahre verlängert. Nun soll neben einem angepassten Zinsmodell eine zweite Verlängerung der Anleihe-Laufzeit über drei Jahre von den Gläubigern abgesegnet werden. Wir haben mit SANHA-Chef Bernd Kaimer über die Hintergründe der geplanten Anpassungen der Anleihe gesprochen.

Anleihen Finder: Sehr geehrter Herr Kaimer, die SANHA GmbH & Co. KG möchte ihre bereits um fünf Jahre verlängerte Unternehmensanleihe 2013/23 erneut um drei Jahre verlängern. Was sind die genauen Gründe dafür?

Bernd Kaimer

Bernd Kaimer: Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie kommt es bei uns seit Anfang April zu einem starken Auftragseinbruch, resultierend vor allem aus Ländern, die von kompletten Shutdowns betroffen sind oder waren. Durch unseren hohen Auslandsanteil in Höhe von 70 % sind wir davon besonders betroffen. Den Medien ist aktuell zu entnehmen, dass es voraussichtlich auch zu einer zweiten oder sogar dritten Welle kommen wird. Wir durchlaufen demnach in 2020 eine starke Konjunkturdelle und können mit einer nur langsamen Erholung rechnen. Auch nach der Finanzkrise 2009 hat die Wirtschaft dafür mehrere Jahre gebraucht. Die Corona-Pandemie wirft uns insofern um ca. 3 Jahre zurück, die haben wir an die bisherige Laufzeit drangehängt.

Anleihen Finder: Sind die Corona-Krise und deren möglichen Folgen der einzige Grund? Anders gefragt: Hätten Sie im Januar 2020 gedacht, dass Sie nochmal eine Laufzeit-Verlängerung anstreben würden?

Bernd Kaimer: In der Tat hatten wir uns im Januar voll auf unser operatives Geschäft konzentriert, um auch in 2020 die bislang in den Anleihebedingungen verankerten Bedingungen zu erfüllen und damit die Grundlage für die Rückzahlung der Anleihe in 2023 zu schaffen.     

Anleihen Finder: Wie sah die Auftragslage vor „Corona“ aus? Wie massiv trifft SANHA die Krise bisher und mit welchen weiteren Auswirkungen rechnen/kalkulieren Sie intern?

„Rechnen für 2020 mit einem Umsatzrückgang von 7% bis 12%“

Bernd Kaimer: Wir haben ein gutes erstes Quartal gehabt. Auftragseingang, Umsatz und Ertrag lagen im Plan. Ab Anfang April hat sich das Bild dann komplett geändert und wir rechnen nun für das Gesamtjahr 2020, je nach weiterem Verlauf der Auswirkungen der Pandemie, mit einem Umsatzrückgang zwischen 7 % und 12 % gegenüber Vorjahr. Und wir sind nicht allein: Laut Bundeswirtschaftsministerium verzeichnet die deutsche Industrie durch die Corona-Krise einen Auftragseinbruch von knapp 16 % – einen so starken Rückgang hat es seit Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts in Deutschland nicht gegeben. Die Wirtschaft wird also Zeit brauchen, sich nach der Krise wieder substanziell zu erholen.

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Anleihen Finder: Welche Maßnahmen – sowohl operativ als auch unternehmensintern – haben Sie bislang aufgrund der Corona-Pandemie ergriffen? Gibt es Änderungen oder neue Schwerpunkte in der Geschäftstätigkeit?

Bernd Kaimer: Wir haben neben den notwendigen organisatorischen und hygienischen Maßnahmen zum Schutze der Mitarbeiter auch alle möglichen Maßnahmen zum Erhalt der Liquidität und zur Kosteneinsparung, wie Steuerstundungen oder Kurzarbeit, ergriffen. Das Geschäft ist durch Corona natürlich deutlich digitaler geworden. Dies kommt uns nun zugute, denn durch unsere bereits in 2013 lancierte Digitalisierungsstrategie können wir im kaufmännischen Bereich auch zu Corona-Zeiten problemlos kommunizieren bzw. arbeiten.

Anleihen Finder: Was genau möchten Sie bei den Anleihebedingungen nun durchsetzen/anpassen? Der Zinskupon soll ja zunächst reduziert werden, um dann bei Endfälligkeit für Anleger wieder weitestgehend „kompensiert“ zu werden. Warum ist das so ausgestaltet?

Bernd Kaimer: Dem vom Gemeinsamen Vertreter ausgearbeiteten und mit uns abgestimmten Konzept liegt zugrunde, dass SANHA vor dem Hintergrund des starken konjunkturellen Einbruchs qua niedrigerer Zinsen Liquiditätsspielräume eingeräumt werden, um den mit dem erwarteten Umsatzrückgang einhergehenden niedrigeren Cash Flow zu kompensieren. Wenn sich das Geschäft dann in den Folgejahren langsam erholt hat, sind eine Teilkompensation des entgangenen Zinses und die Rückzahlung der Anleihe unter anderem aus erwirtschafteten Cash Flows wieder möglich.

Im Einzelnen sieht das Konzept vor:

  • eine Verlängerung der Anleihelaufzeit um drei Jahre bis zum 4. Juni 2026,

  • die Einführung eines reduzierten Staffelzinses für die Jahre 2020 bis 2026, sodass die zukünftigen Zinssätze wie folgt aussehen:
    • >>> Vom 4. Dezember 2019 (einschließlich) bis zum 4. Juni 2022 (ausschließlich) mit einem Zinssatz von 2,0 % p.a.;
    • >>> Vom 4. Juni 2022 (einschließlich) bis zum 4. Juni 2023 (ausschließlich) mit einem Zinssatz von 3,0 % p.a. und
    • >>> Vom 4. Juni 2023 (einschließlich) bis zum 4. Juni 2026 (ausschließlich) mit einem Zinssatz von 4,0 % p.a.,

  • eine Erhöhung des Rückzahlungsbetrages auf 105 % zur teilweisen Aufholung für die Reduzierung der Zinsen in den Jahren 2021 bis 2023,

  • eine Anpassung der Regelungen zu den Finanzkennzahlen (Covenants),

  • eine Anpassung der Negativverpflichtung sowie

  • eine Ermächtigung des Gemeinsamen Vertreters zur Umsetzung der Beschlüsse.


Anleihen Finder: Warum sind die geplanten Anleihe-Anpassungen unumgänglich? Haben Sie einen Plan B, falls die Anleihegläubiger auf der zweiten AGV am 25. Mai nicht in ausreichendem Maße zustimmen sollten?

„Könnten die in den aktuellen Anleihebedingungen festgeschriebenen Covenants wegen der Corona-Krise wohl nicht einhalten“

Bernd Kaimer: Wir erleben die schwerste Wirtschaftskrise seit 50 Jahren. Niemand weiß, was genau die Zukunft bringt. Das Anleihekonzept ermöglicht uns die Spielräume, die wir brauchen, um auch für weitere konjunkturelle Rückschläge, verursacht zum Beispiel durch weitere Corona Wellen, gewappnet zu sein. Oberstes Gebot ist für uns dabei die vollständige Rückzahlung der Anleihe in 2026 und die Zahlung des veränderten Zinses. Beides können wir nach Anpassung der Anleihebedingungen plangemäß leisten, auch in einem „Worst Case“ Szenario. Sollten die Anleihegläubiger nicht in ausreichendem Maße zustimmen oder die zwingend notwendige Beteiligung von 25 % nicht erreicht werden, ist die weitere Entwicklung ausschließlich davon abhängig, in welchem Ausmaß SANHA von der Corona-Pandemie nachhaltig betroffen sein wird. Wir können aber heute schon davon ausgehen, dass die in den aktuellen Anleihebedingungen festgeschriebenen Covenants wegen der Corona-Krise nicht eingehalten werden können. Das bedeutet, dass SANHA zukünftig den dann festgeschriebenen Zins von 9 % bezahlen muss. Das ist in Krisenzeiten fast unmöglich.

Anleihen Finder: In Corona-Zeiten gibt es natürlich Einschränkungen bei Versammlungen, vieles wird virtuell veranstaltet. Wie wird Ihre zweite AGV abgehalten und was müssen Gläubiger tun, um teilzunehmen und ihre Stimme regelkonform abgeben zu können?

Bernd Kaimer: Wir sind durch die Gesetzeslage zu einer Präsenzveranstaltung gezwungen, die wir aufgrund der Unsicherheit bei externen und öffentlichen Versammlungsorten am Firmensitz durchführen. Aufgrund der Corona-Situation bitten wir aber alle Anleiheinvestoren, von der Möglichkeit Gebrauch zu machen, eine Vollmacht zu erteilen. Wie das geht, ist ausführlich in der Einladung zur 2. Gläubigerversammlung und auch auf unserer Webseite beschrieben. Wer nicht persönlich an der Versammlung teilnimmt, kann sich vorab in einer Investoren-Telefonkonferenz am 14. Mai 2020 um 11:30 Uhr über das Anpassungskonzept und das Plausibilitätsgutachten zu unserer Businessplanung informieren und Fragen stellen. Außerdem wird die Versammlung am 25. Mai online übertragen und kann damit für angemeldete Anleihegläubiger live verfolgt werden.

INFO: Der Webcast ist auf folgender Webseite erreichbar:
https://webcasts.eqs.com/sanha20200514/no-audio
Bitte benutzen Sie für die Telefonkonferenz die folgenden Einwahldaten: +49 (0)69 2222 3906
Teilnehmerpasscode: 230320

Anleihen Finder: Die Guidelines, die mit der ersten Anleihen-Verlängerung verbunden waren, konnten bis jetzt immer eingehalten werden. Warum sind Sie zuversichtlich, dass Sie das auch nach der Corona-Krise wieder schaffen können?

Bernd Kaimer: Das Konzept der geänderten Anleihebedingungen ist in eine Planung bis 2026, d.h. bis zum geänderten Jahr der Rückzahlung, eingeflossen. Diese Planung, wie deren zugrunde liegenden Prämissen, werden derzeit von einem großen unabhängigen Wirtschaftsprüfer plausibilisiert und liegen spätestens zur Telefonkonferenz am 14. Mai 2020 vor. Teil der veränderten Anleihebedingungen sind auch neue Covenants, die unserer Post-Corona Planung Rechnung tragen.

Anleihen Finder: Wie haben sich die wesentlichen Finanzkennzahlen (EBITDA, Cash-Flow, Umsatz) der SANHA GmbH & CO. KG seit 2017 entwickelt?

Bernd Kaimer: Nach der Prolongation in 2017 hat sich SANHA operativ und finanziell positiv entwickelt. Die Anleihebedingungen und Covenants wurden stets eingehalten. Dabei haben wir vor allem Wert auf eine Verbesserung der Erträge gelegt, d.h. bei einem stabilen Umsatzniveau konnte die Ertragsseite, aber auch Cash Flows deutlich verbessert werden. Gleiches gilt auch für das erste Quartal 2020.

Anleihen Finder: Nochmal zusammenfassend: Warum sollten die SANHA-Anleihegläubiger auf der AGV am 25. Mai für das von Ihnen vorgelegt Anleihe-Anpassungskonzept stimmen?

„Wollen letztendlich sicher durch die Corona-Krise kommen und bitten insofern um die Hilfe und Unterstützung unserer Anleiheinvestoren“

Bernd Kaimer: Wir befinden uns mitten in der schwersten Wirtschaftskrise seit über 50 Jahren. Die Konjunkturprognosen seitens nationaler und internationaler Institutionen werden quasi im Wochenrhythmus gesenkt. Große Gesellschaften wie die Lufthansa, aber auch viele mittelständische Unternehmen fragen nach Staatshilfen, sei es in Form von KFW Mitteln, Beteiligungen oder Kaufprämien für Produkte. Wir haben keine derartigen Möglichkeiten. Wir haben uns operativ und finanziell in den vergangenen Jahren gut entwickelt und sind in unserer Branche in jeglicher Hinsicht gut aufgestellt, auch im Hinblick auf die Digitalisierung. In vielen Belangen sind wir sogar Vorreiter. Wir wollen unserer Verpflichtungen zur Rückzahlung der Anleihe gegenüber den Anleihegläubigern vollumfänglich nachkommen und auf dem Weg dahin einen vor dem Hintergrund des Konjunktureinbruches verkraftbaren Zins zahlen, wobei ein Teil des reduzierten Zinssatzes mittels der Rückzahlung von 105 % wieder aufgeholt wird. Wir wollen letztendlich sicher durch die Corona-Krise kommen und bitten insofern um die Hilfe und Unterstützung unserer Anleiheinvestoren.

Anleihen Finder: Herr Kaimer, viel Erfolg und besten Dank für das Gespräch.

Anleihen Finder Redaktion.

Foto: SANHA GmbH & Co. KG

ANLEIHE CHECK: Die SANHA-Anleihe 2013/23 (WKN: A1TNA7) wurde 2013 mit einem Volumen von 25 Millionen Euro und einem Zinskupon in Höhe von 7,75% p.a. begeben. Anfang 2014 wurde das Anleihe-Volumen auf insgesamt 37,5 Millionen Euro aufgestockt. Im Jahr 2017 wurde die Anleihe-Laufzeit mit Zustimmung der Gläubiger um fünf Jahre bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 7,00% p.a. über den Verlängerungs-Zeitraum verlängert.

Anleihen Finder Datenbank

Unternehmensanleihe der SANHA GmbH & Co. KG 2013/2023

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