Der Mittelstandsmarkt ist tot – Abgesang auf ein Marktsegment? Kolumne von Florian Weber, CEO der SCHNIGGE Wertpapierhandelsbank AG
Mit großem Interesse haben Anleger und Journalisten die Aussagen eines Börsenvorstands verfolgt, der zuletzt davon sprach, dass der Markt der Mittelstandsanleihen tot sei. Die Aussage war umso erstaunlicher, als dass es eben jene Börse war, die sich rühmte, als erste Börse den Markt für Mittelstandsanleihen aus der Taufe gehoben zu haben. Mehr als unglücklich erscheint daher auch die zumindest sinngemäße Aussage, dass Emittenten dieser Anleihen anderweitig kein Geld bekommen. Geneigte Leser könnten den Eindruck gewinnen, man habe es in diesem Segment quasi nur mit Pleitegeiern zu tun, die wirtschaftlich aus dem letzten Loch pfeifen. Einem Markt, der ohnehin so unter Beobachtung steht, ständen sicherlich weniger markige, sondern eher sachlichere Aussagen besser zu Gesicht. Dazu kommt: Sich nun von dem Modell der Mittelstandsfinanzierung via Börse abzuwenden, nur weil es unbestritten Probleme gibt, erscheint doch sehr opportunistisch. Ob dieser Sinneswandel auch begründet und sachgerecht ist, darf durchaus bezweifelt werden.
Laut Interviewaussage sollen Banken den kreditsuchenden Unternehmen nun wieder sehr gute Konditionen bieten – was die Notwendigkeit einer börslichen Kreditaufnahme angeblich überflüssig mache. Aber hat sich in der Banklandschaft bei der Kreditvergabe wirklich etwas verändert? Zwar ist die Liquiditätsversorgung der Banken weiterhin gut, das Zinsniveau niedrig und Banken wehren sich gegen weitere Mittelzuflüsse sogar mit „Negativzinsen“ – es bleibt aber das Problem, dass von diesen Geldern nicht ausreichend Finanzierungshilfen in der Wirtschaft ankommen. Woran liegt es, dass die Kreditvergabe trotz vorgenannter guter Rahmenbedingungen weiterhin restriktiv erfolgt?
Die Banken haben massive Ertragsprobleme – sprach man früher vom risikolosen Zinsertrag durch auskömmliche Zinsdifferenzen, so wird das aktuelle Szenario offen als „ertragloses Risiko“ bezeichnet. Banken haben damit kaum oder nur langfristig die Möglichkeit, aufkommende Verluste (Wertberichtigungen oder Abschreibungen auf Firmenkredite) zu kompensieren. Für Unternehmen bedeutet dies in der Regel die Einhaltung harter Financial Covenants, bei deren Nichteinhaltung das Risiko der sofortigen Kreditkündigung der Bank droht. Zudem fordern Banken eine fortlaufende Berichterstattung der Unternehmenszahlen und damit verbunden üblicherweise eine jährliche Neubewertung der Engagements. Damit tragen die Unternehmen das Risiko, dass eine aus ihrer Sicht langfristig geplante Partnerschaft z.B. aus geschäftspolitischen Gründen der Bank beendet wird und daher eben doch nicht langfristig ist. Darüber hinaus sind die Zinssätze, die Banken für unbesicherte Kredite verlangen, nicht wirklich günstig – auch, wenn das allgemeine Zinsniveau für Bundesanleihen niedrig ist. Banken fordern, und das nicht erst seit Basel III, berechtigterweise einen risikoadäquaten Zinssatz.
Unternehmen, die die Anforderungen institutioneller Investoren erfüllen, haben derzeit alternativ wieder gute Chancen, sich über Schuldscheindarlehen Kredite bei Kapitalsammelstellen zu besorgen. Schließlich haben Versicherungen und andere institutionelle Anleger derzeit große Probleme, eine halbwegs akzeptable Rendite zu erwirtschaften. Das Zinsniveau ist dann im Verhältnis zu Anleihen sogar in der Regel günstiger. Aber nicht alle Emittenten fallen in dieses Investitionsraster – und für diese Anleiheschuldner gibt es weiterhin Finanzierungsbedarf jenseits der Bankenlandschaft.
Der Markt für kleine und mittlere Unternehmensanleihen ist ein Risikomarkt!
Es ist unbestritten, dass Unternehmen, die deutlich höhere Zinssätze zahlen, auch mit deutlich höheren Ausfallrisiken für Investoren verbunden sind. Insofern ist sachliche Kritik am Markt berechtigt – schließlich war und ist der Begriff des Mittelstands ein Synonym für deutsche Qualität. Die Erfahrungen beweisen aber, dass verschiedene Emittenten unter dieses positiv belegte Dach geschlüpft sind, obwohl verschiedene Schwächen z.B. bei der Strukturierung oder auch in Geschäftsmodellen/betrieblichen Kennzahlen vorhanden waren. Um hier nicht unbedarfte Anleger anzulocken, die sich mit Mittelstandsinvestitionen gut aufgehoben fühlen, aber andererseits die wahren Risiken gar nicht beurteilen können, war es nur zu konsequent, den Begriff Mittelstand aus der Segmentbezeichnung z.B. der Börse Düsseldorf zu entfernen. Eine klare und eindeutige Risikoklassifizierung, die auch für Privatanleger transparent ist, erscheint aus meiner Sicht wesentlich hilfreicher, als gleich den Tod eines solchen Marktes zu propagieren. Ein reines Umbenennen des Marktes hilft aber auch nicht.
Verantwortung der Marktteilnehmer bleibt!
An dieser Stelle habe ich mehrfach darauf hingewiesen, dass es im Wesentlichen die Marktbeteiligten sind, die für die Funktionsfähigkeit des Marktes sorgen müssen: Es sind die Emissionsbegleiter, die eine bessere Selektion der Kandidaten vornehmen müssen, es sind die Ratingagenturen, die adäquate Risikoklassifizierungen vornehmen müssen. Und schließlich sind es auch die Anleger selbst, die hinterfragen müssen, ob die angebotenen Zinsen eine angemessene Risikokompensation beinhalten oder ob sie nicht doch noch höhere Zinsen fordern müssen.
Es wird sicherlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis sich hier ein ausgeglichenes Chance/Risiko- und Zinsverhältnis herausgebildet hat. Aus unserer Sicht ist die Ausgangssituation unbestritten: Es besteht weiterhin Kapitalbedarf auf Seiten der Unternehmen, es ist weiterhin eine hohe Liquidität vorhanden, die in klassischen Zinsanlagen nur noch geringe Renditen erwirtschaftet, und die Kapitalversorgung der Wirtschaft ist auch politisch gewollt. Sogar die Politik fordert ein Wiederaufleben eines „Neuen Marktes 2.0“ und unterstützt wesentlich risikobehaftetere Anlageformen wie das Crowdfunding.
Daher heißt es im konkreten Fall der Mittelstandsanleihen: Emittenten, Initiatoren und Anleger müssen aus den Erfahrungen lernen, Neuemissionen, die den Qualitätsanforderungen nicht entsprechen mit Nichtachtung strafen, dafür aber bei anderen Anleihen auch weiterhin aktiv investieren.
Allen Lesern ein glückliches Händchen bei eben genau jener Auswahl, frohe Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch in ein glückliches und gesundes Börsenjahr 2015.
Florian Weber, CEO der SCHNIGGE Wertpapierhandelsbank AG
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