„as-a-Service“-Geschäftsmodelle als Katalysator eines nachhaltigen Wandels

Dienstag, 18. Januar 2022


Beitrag von Dr. Stefan Bund und Luca Franke, SDG INVESTMENTS GmbH

Durch die gesteigerte Dynamik und Komplexität der heutigen Zeit verändern sich die Ansprüche und Bedürfnisse des modernen Kunden: Flexibilität, Planungssicherheit und Nachhaltigkeit stehen im Fokus. Für Unternehmen führt dies zu neuen Herausforderungen, Produkte und Leistungen an die veränderten Umstände anpassen zu müssen. Während früher stärker der Kauf des Produkts oder der Dienstleistung im Fokus standen, sind es heute Gesamtlösungen und Serviceangebote, die traditionelle Geschäftsmodelle zunehmend verdrängen. Miet- und Abonnement-Modelle sind im Trend. Nicht nur für Streaming-Anbieter wie Netflix oder Spotify, sondern ebenso bei physischen Gütern wie Fahrrädern und e-Scootern, oder Licht- und Heizungsanlagen im B2B-Bereich.

Inzwischen gibt es fast alles als „as-a-Service“, sodass auch von „Anything-as-a-Service“ (XaaS) Geschäftsmodellen gesprochen werden kann. Dabei handelt es sich um Geschäftsmodelle, bei denen dem Kunden die Leistungen eines Produktes zur Verfügung gestellt werden, anstatt das Produkt dem Kunden einmalig zu verkaufen. Im IT-Sektor ist das Modell „Software-as-a-Service“ schon länger etabliert [1]  und Anbieter wie Adobe mit seinem Photoshop-Abonnement dominieren den Markt bereits seit vielen Jahren. Der Wandel des Geschäftsmodels hin zur Fokussierung auf die Leistung und den Nutzen ist nun auch im Bereich der physischen Produkte angekommen. So werden zunehmend unterschiedlichste Fortbewegungsmittel, Infrastruktur, Beleuchtung, Elektronikgeräte oder Alltagsgegenstände im Rahmen eines Servicevertrags vermietet. Hier wird die Bedarfsdeckung und nicht das Produkt erworben. Das bietet vielseitig Chancen für Anbieter, Kunden und Investoren und leistet gleichzeitig einen bedeutenden Beitrag zur nachhaltigen Wirtschaft.

Nachhaltigkeit durch höhere Nutzungsintensität

Um ökologische Ziele wie die des Pariser Klimaabkommens umsetzen zu können, ist ein nachhaltiger Umbau unserer globalen Wirtschaft und unseres Konsumverhaltens unerlässlich. Die Vereinten Nationen haben die ökologischen und sozialen Herausforderungen in einem Rahmenwerk von 17 Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals – SDGs) formuliert, die von der Weltgemeinschaft bis 2030 erreicht werden sollen. Hierzu leisten „as-a-service“-Geschäftsmodelle einen Beitrag, denn sie fußen in ihrer Basis auf den Elementen der Circular-, wie auch die Sharing-Economy: Produkte möglichst lange erhalten, recyclen, im Kreislauf zirkulieren lassen, mit anderen teilen und so deren Auslastung maximieren. Die Produkte sind also nicht im Besitz des Kunden, sondern werden für eine kurz-, mittel- oder langfristige Dauer von ihm gemietet und wandern bei Vertragsende meist zum nächsten Kunden. Bei Autos oder E-Rollern mehrmals am Tag, bei gemieteten Solarpanelen erst nach einigen Jahren. Ein innovatives Beispiel im Bereich der Telekommunikation ist das Unternehmen „everphone“, die im B2B-Sektor Smartphones und Tablets vermieten, konfigurieren, in die bestehenden Systeme integrieren und warten. Während Kunden mit diesem „Phone-as-a-Service“-Paket intern Investitionskosten und Aufwand in der Administration sparen, sowie Reparaturprobleme auslagern, kann extern zu „SDG 12 – Verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster“, sowie zu „SDG 13 – Massnahmen zum Klimaschutz“ beigetragen werden. Denn mit diesem Geschäftsmodell kann die Lebensdauer der Geräte erhöht werden, wodurch weniger produziert wird. Bei knapp 200 Millionen ungenutzten Smartphones alleine in Deutschland ohne Zweifel eine lange überfällige Idee.[2]


Abbildung 1: United Nations Sustainable Development Goals (SDGs)

Service-Geschäftsmodelle treiben demnach häufig bereits im Kern Nachhaltigkeit voran und bieten Raum für Innovation. Dieses vielfältige und am Kunden orientierte Potential wird vom Markt erkannt. Xaas-Geschäftsmodelle sind auch geeignet, der fortgeschrittenen Entkoppelung der Realwirtschaft und der Finanzwirtschaft entgegenzuwirken. Wenn ein Anbieter seine Produkte nicht verkauft und nur den damit verbundenen Nutzen anbietet, entsteht automatisch ein wachsender Kapitalbedarf beim Anbieter. Ökonomisch sinnvoll ist es, die Produkte und den damit verbundenen Kapitalbedarf in Besitzgesellschaften zu bündeln, die durch Eigen- und Fremdkapital finanziert werden, welches von institutionellen Investoren wie Versicherungen oder Pensionsfonds aufgebracht wird. So kann die Versicherung zum Eigentümer von Lichtanlagen und die Pensionskasse von Heizanlagen werden. Die damit verbundene Verzahnung der Real- und Finanzwirtschaft liegt auf der Hand.

XaaS-Geschäftsmodelle erobern den B2B-Sektor

Neben Privatkunden, die insbesondere im Bereich der Mobilität und Konsumgüter zunehmend „mieten statt kaufen“, erkennen Anbieter wie Abnehmer auch im B2B-Markt vermehrt die zahlreichen Vorteile, die XaaS mit sich bringt. Auf dieses Segment zielen insbesondere infrastrukturelle Leistungen, wie Beleuchtung, Energie oder Cloud-Speicherung ab. Die meisten Anbieter sind Startups oder KMUs, doch auch Konzerne wie Philips (signify) haben die Chancen einer Erweiterung der Absatzkanäle durch Service-Lösungen für sich entdeckt.


Abbildung 2: Eine Auswahl von XaaS-Anbietern im B2B- und B2C-Markt

Von CapEx zu OpEx

Eine nachhaltige Transformation rentiert sich für Unternehmen, erfordert aber oft auch Investitionen, oder auf Englisch, Capital Expenditure (CapEx).[3] Bei einem traditionellen Kauf von Infrastrukturen wie Solarpanel oder Industriebeleuchtungen für die neue Fertigungshalle eines Unternehmens fallen unmittelbar Kapitalkosten an, welche Liquidität binden und so finanzielle wie strategische Flexibilität reduzieren. Das kann insbesondere KMUs vor Herausforderungen stellen. XaaS bricht jedoch mit der Annahme, dass für Nachhaltigkeit enorme Investitionskosten in Unternehmen anfallen müssen. Denn anstatt zu kaufen, zahlen Unternehmen hier für „as-a-Service“-Rundumpakete einen fixen monatlichen Betrag an den Anbieter und müssen sich so um nichts Weiteres kümmern. Nicht nur das Produkt an sich wird gemietet, sondern ebenso Leistungen wie Planung, Projektmanagement, Installation und Wartung. Die Miet- und Servicekosten fallen dann lediglich mit den operativen Betriebskosten (OpEx) an, was nicht nur steuerlich attraktiver ist, sondern dem Unternehmen ebenso mehr Planungssicherheit ermöglicht. Da der Anbieter nur vermietet und nicht verkauft, gleichen sich die Interessen von Anbieter und Abnehmer unaufgefordert an. Denn der Anbieter hat ein hohes Interesse an der technischen Zuverlässigkeit des Produktes, da Ausfälle direkt zu Lasten der Mietrate und somit der Marge des Anbieters gehen.

Neue Zielgruppen und Zugang zum Kapitalmarkt

Etablierte Unternehmen wie Philips (signify) oder Automobil-OEMs wie BMW (ShareNow) können mit XaaS ihr traditionelles Geschäftsmodell ergänzen, völlig neue Kundengruppen erschließen und so für Wachstum, Skalierung und unmittelbare Wettbewerbsvorteile sorgen. XaaS ermöglicht intensive und nachhaltige Kundenbeziehungen über eine längere Zeitspanne, einen Aufbau von Vertrauen und somit die Möglichkeit, differenziert weitere Leistungen und Produkte zu platzieren, und kontinuierlich die eigenen Preis- und Vertriebsmodelle zu optimieren.  

Jungen Firmen und KMUs kann ein XaaS-Geschäftsmodell den Zugang zum Kapitalmarkt ermöglichen, wenn an Stelle der Cash Flows und der Bonität des Anbieters die langfristigen und fixen Service-Verträge mit etablierten und kreditwürdigen Kunden herangezogen werden können: Die nextbike Gmbh, Pionier im europäischen Bike-Sharing, reduziert das Ausfallrisiko ihrer Anleihen (WKN: A254RZ) beispielsweise durch langfristige Cash-Flows, welche aus Lizenz-Verträgen mit Städten und Kommunen resultieren. „Solar as a Service“-Anbieter wie Enviria oder Daystar Power vermieten im B2B-Bereich Solarpanelen an große Banken, Konzerne und andere Kunden, die mit ihrer Kreditwürdigkeit verlässliche Zahlungsströme garantieren.

Finanzierungsmöglichkeiten von „Anything as a Service“

Entscheidender Faktor im Fall von XaaS-Finanzierungen sind die Eigentumsrechte. Die Anbieter veräußern ihr Produkt nicht wie beim klassischen Verkauf, sondern bieten vielmehr die Nutzung des Produktes mitsamt Dienstleistungen an, womit das Eigentum beim Anbieter verbleibt. Daher müssen Beleuchtungssysteme, Fahrzeuge oder Solarpanel vom Unternehmen selbst vorfinanziert werden. Während der Kunde bei XaaS-Lösungen von geringerer Kapitalbindung profitiert, leidet gleichzeitig der Anbieter darunter, dass sich seine Investitionen erst nach Monaten oder Jahren amortisieren wird. Hier gibt es jedoch attraktive Möglichkeiten, den Finanzierungsbedarf zu decken.

Im Beispiel von nextbike GmbH wurden die CapEx Investitionen für neue Fahrräder durch eine zweckgebundene Anleihe gesichert. So kann der Anbieter einer XaaS-Lösung sein Geschäft kapitalschonend deutlich erweitern und so Wachstums- und Ertragsmöglichkeiten realisieren, die ihm mit klassischen Finanzierungsstrukturen nicht offen gestanden hätten.

Fazit

Hersteller wie Kunden setzen zunehmend auf die vielen Vorteile, die XaaS-Geschäftsmodelle mit sich bringen. Der Trend zum Service statt zum Produkt, zur Miete statt zum Kauf, gilt heute und wird ebenso morgen gelten. Neben einem Beitrag zu nachhaltigerem Konsum und verantwortungsvollem Wirtschaften, ist XaaS Motor für Innovation und Wachstum von Anbietern und Abnehmern gleichermaßen. Es verändert die Art und Weise, wie Unternehmen ihre Produkte anbieten. Für diese innovativen Lösungen sind ebenso innovative Finanzierungen notwendig. Asset-Based-Finanzierungen können dabei insbesondere für junge Firmen interessant sein, um den anfallenden Kapitalbedarf für die Vorfinanzierung zu decken. Parallel bieten Investments in XaaS eine attraktive Chance für Investoren: Sicherheiten wie Verträge mit bonitätsstarken Kunden reduzieren das Risiko, während gleichzeitig das Portfolio nachhaltiger ausgerichtet und dabei zur Erreichung der UN-Entwicklungsziele beigetragen wird.

Dr. Stefan Bund und Luca Franke, SDG INVESTMENTS GmbH


Titelfoto: nextbike GmbH

Abbildungen: SDG INVESTMENTS

[1] https://www.forbes.com/sites/servicenow/2020/12/18/the-surprising-success-of-xaas/?sh=2f6b40415aef

[2] https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Deutsche-horten-fast-200-Millionen-Alt-Handys

[3] https://www.lbbw.de/artikelseite/maerkte-verstehen/warum-nachhaltige-unternehmen-erfolgreicher-sind_7az2nfam2_d.html

Hinweis: Erfahren Sie hier mehr zu SDG INVESTMENTS 

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