Alles nur Peanuts? – Die Transaktionssteuer wird teurer, als sie aussieht

Freitag, 22. Februar 2013


Jetzt haben die EU-Finanzminister es amtlich gemacht: Die Transaktionssteuer auf Börsengeschäfte kommt. Der aktuelle Entwurf sieht eine Besteuerung des Aktien- und Anleihen- Handels mit 0,1 Prozent des Transaktionswertes vor. Ein moderater Steuersatz mit entsprechend geringen Auswirkungen auf den Börsenhandel von Mittelstandsanleihen? Oder ein massiver Eingriff in den Markt?

Ein Kleinanleger, der für EUR 5.000 eine Unternehmensanleihe zeichnet, müsste dafür Transaktionssteuern in Höhe von gerade einmal EUR 5 zahlen. Dieser Betrag dürfte ihn kaum schrecken, zumindest dann nicht, wenn er sein Vermögen selbst verwaltet und einmal gezeichnete Anleihen bis zur Fälligkeit in seinem Depot belässt.

Doch ist der private Anleger dadurch von der neuen Finanztransaktionssteuer tatsächlich nicht tangiert? Und wie sieht es bei den institutionellen Investoren aus, also Banken und Fonds, die ständig neu investieren und große Volumina umschichten? Peter Thilo Hasler, Vorstand der Blättchen & Partner AG und Gründer von Sphene Capital, ist der Meinung, dass sowohl die privaten als auch die institutionellen Anleihenzeichner zu den Verlierern der Transaktionssteuer gehören.

„Das Risiko für alle Marktteilnehmer wird erhöht“

„Es ist völlig illusorisch zu glauben, dass der Handel mit Mittelstandsanleihen nicht auch von der Finanztransaktionssteuer beeinflusst werden wird. Ein rückläufiges Handelsvolumen ist die Folge, da sich gerade für kurzfristig ausgerichtete Trader ein Engagement nicht länger lohnt. Damit können Preisschwankungen weniger gut abgefedert werden, was das Risiko für alle Marktteilnehmer erhöht“, bemängelt der Volkswirt und Finanzexperte. „Dies verdeutlicht, dass die Finanzmarkttransaktionssteuer als Umsatzsteuer auf Börsengeschäfte allein vom Privatanleger getragen wird und zwar entweder direkt – durch eigene Börsengeschäfte –oder indirekt – durch den Erwerb von Fonds- oder Lebensversicherungsprodukten. Letztlich werden gerade diejenigen Marktteilnehmer belastet, die solide arbeiten, während mit den eingenommenen Steuergeldern Banken gerettet werden sollen, die schlecht gewirtschaftet haben. Dies setzt gravierende Fehlanreize.“

Auch Oliver Heidecker, Mitglied des Portfolio-Managements, bei Johannes Führ Asset Management, kritisiert den Gesetzentwurf der EU-Kommission. „Kein Kapitalmarkt kann sich nur auf das Interesse von Kleinanlegern verlassen, die dann nach den Vorstellungen der Politik auch noch eine Buy & Hold-Mentalität mitbringen sollen. Fondsgesellschaften, Versicherungen und Pensionskassen sind mit ihrer Anlagepolitik mitverantwortlich, dass es einen ordentlichen, funktionierenden und liquiden Markt für Aktien und Anleihen gibt.“

Privatanleger von der Steuer auszunehmen, löst das Problem nicht

Privatanleger von der Steuer auszunehmen, wie es unter anderen auch die Börse Stuttgart fordert, würde demnach zu kurz fassen.

„Auch wenn Kleinanleger von der Steuer befreit werden sollen, trifft es jeden, der durch eine Lebensversicherung, eine Riesterrente oder durch einen Fonds private Vorsorge für das Rentenalter trifft. Sinn eines Fonds ist es, durch aktives Management die beste Rendite für den Anleger und somit die beste Versorgung im Alter zu erwirtschaften. Wieso sollte die Politik Anlegern mit Hilfe einer Steuer vorschreiben, wie oft sie ihr Portfolio umschichten?“, ärgert sich Oliver Heidecker.

Die Johannes Führ Asset Management GmbH investiert mit zwei Mittelstands-Rentenfonds in Anleihen von mittelständischen Unternehmen. Heidecker: „Unser Mittelstandsfonds würde wie alle Fonds in Europa von der Steuer betroffen sein, auch wenn wir vergleichsweise wenige Umschichtungen vornehmen. Das Beispiel zeigt aber sehr gut den Denkfehler in der Argumentation der Politik. Gerade im Mittelstandssegment würden wir keine Buy & Hold-Mentalität von Einzeltiteln für Kleinanleger empfehlen. Die breite Streuung eines Fonds schützt den Anleger vor dem Einzelrisiko. Der Anleger würde durch die Steuer quasi bestraft, nur weil er sein Risiko reduzieren will.“

Abwanderung: „Kapital ist ein sehr mobiles Wirtschaftsgut“

Problematisch ist zudem, dass nicht alle 27 EU- Länder die Finanztransaktionssteuer einführen, sondern lediglich elf. Peter Thilo Hasler befürchtet, dass der Handel mit Aktien oder Anleihen nach und nach an steuerfreie Börsenplätze abwandern könnte. „Kapital ist ein sehr mobiles Wirtschaftsgut“, warnt der Blättchen & Partner-Chef.

Nach Meinung von Dr. Christoph Boschan, Vorstand der Börse Stuttgart AG, ist es auch hier wieder der Privatanleger, der die Zeche letztendlich zahlen muss. Per Pressemitteilung warnt er: „Es droht eine Spaltung des Wettbewerbs innerhalb der Europäischen Union, da die Attraktivität von Finanzprodukten aus Ländern mit Finanztransaktionssteuer sinken wird. Das trifft insbesondere die Privatanleger, da sich für sie der Handel mit diesen Produkten verteuern wird.“

Eingeführt werden soll die Transaktionssteuer am 1. Januar 2014. Die erhitzten Gemüter, die sie jedoch jetzt schon hervorruft, zeigen, dass bis dahin noch viel Arbeit geleistet werden muss, damit die Steuer letzten Endes nicht die trifft, die sie eigentlich schützen soll.

Anleihen Finder Redaktion

Fotos: Siegfried Fried/pixelio.de (oben), Anleihen Finder GmbH (unten)

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Zum Thema:

Interview: Oliver Heidecker, Portfolio-Manager bei Johannes Führ Asset Management: “Eine Finanztransaktionssteuer soll Einnahmen erhöhen und helfen, europäische Staatshaushalte zu sanieren. Den Kapitalmarkt kontrollieren kann sie nicht.”

Interview: Lothar Probst von lp inviso: “Ich befürchte durch die Börsensteuer einen deutlichen Rückgang bei den Umsätzen an der Börse. Dadurch wird die ohnehin schwach ausgeprägte Aktienkultur weiter kaputt gemacht.”

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