Scharfe Kritik an WGF-Vorstand, Gutachter und Wirtschaftsprüfer: Hat die WGF AG Immobilien mit „Mondpreisen“ bilanziert?

Mittwoch, 12. Dezember 2012


+++ Interview mit Daniel Bauer, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. (SdK):  „Die WGF ist eine Blackbox“ +++ noch keine Stellungnahme der WGF zu konkreten Vorwürfen+++

Gläubiger der WGF – Westfälische Grundbesitz und Finanzverwaltung AG sind spätestens seit der gestrigen Pressemitteilung der WGF sehr beunruhigt. Die  WGF – Westfälische Grundbesitz und Finanzverwaltung AG informierte über ihren Antrag auf Eigenverwaltung gemäß Insolvenzordnung sowie der Aussetzung der Rückzahlung der WGF-Anleihe WGFH06. Die Anleihen Finder Redaktion berichtete.

Doch immer noch sind viele Fragen im Fall WGF zu beantworten. Die Anleihen Finder Redaktion hakte bei der WGF nach. Antwort: Die WGF könne zurzeit keine Interviews geben oder Detailfragen beantworten. Die WGF AG wolle in den nächsten Wochen zunächst einmal in Ruhe die Lage analysieren,  um in den nächsten drei Monaten im Rahmen der Eigenverwaltung einen Sanierungsplan zu entwickeln, der die Gläubiger bestmöglich befriedigt, so ein Sprecher der WGF im Gespräch mit der Anleihen Finder Redaktion.

Erste Antworten zur Lage gibt Daniel Bauer (Foto), Vorstand der Schutzgemeinschaft für Kapitalanleger e.V. (SdK) im Anleihen Finder-Interview:

Anleihen Finder Redaktion: Wie viele Millionen Euro an Anleger-Geldern sind nach Ihrer Rechnung bei der WGF – Westfälische Grundbesitz und Finanzverwaltung AG in Gefahr? Wäre das – wenn es zu einem Ausfall käme – die bislang größte Pleite auf dem Markt der Mittelstandsanleihen?

Daniel Bauer: Es stehen aktuell insgesamt 200 Mio. Euro an Anleihen und Genussscheinen zur Rückzahlung aus. Aktuell steht unserem Wissen nach nur bei der Insolvenz der Solar Millennium AG ein noch höherer Betrag aus. In welcher Höhe es zu einem Ausfall kommen wird, kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend sagen. Daher kann man auch nicht einschätzen, wie hoch der tatsächliche Schaden für die Anleger sein wird und ob die Insolvenz der WGF die größte Pleite auf dem Markt für Mittelstandsanleihen sein wird.

Anleihen Finder Redaktion: Ist das Geld der Anleger noch zu retten?

Daniel Bauer: Das Insolvenzverfahren wird im Wege der Eigenverwaltung ablaufen. Das heißt, der Geschäftsbetrieb geht vorerst weiter. Das Unternehmen wird in den kommenden Wochen zusammen mit einem ihm zur Seite gestellten Sachwalter einen Insolvenzplan erstellen. Der Insolvenzplan sieht dann eine konkrete Insolvenzquote für die Gläubiger vor. Da die Gesellschaft anscheinend unter anderem in Immobilien und Projektentwicklung investiert hat, dürften hier noch werthaltige Vermögenswerte vorhanden sein. Unklar ist jedoch, wie viel davon den Anleiheinhabern zu Gute kommen wird. Eventuell sind Banken und andere Gläubiger vorrangig besichert. Auch unter den Anleihen selbst kann es zu unterschiedlichen Insolvenzquoten kommen, da jede Anleihe mit unterschiedlichen Immobilien besichert ist. Wie viel am Ende übrig bleibt je Anleihe, kann jetzt also noch nicht gesagt werden. Generell besteht jedoch Hoffnung, dass eine akzeptable Quote übrig bleibt.

Anleihen Finder Redaktion: Welche konkreten Schritte können WGF-Gläubiger jetzt sofort einleiten? Was darf man auf keinen Fall versäumen?

Daniel Bauer: Erst einmal heißt es Ruhe bewahren und keine überstürzten Kurzschlusshandlungen vorzunehmen. Wir hatten nach der Kursaussetzung unseren Mitgliedern empfohlen, die Anleihen zu verkaufen, da die WGF AG stets eine „Blackbox“ war. Da die Kurse jetzt jedoch extrem abgestürzt sind, kann es sein, dass man auf dem Wege des Insolvenzverfahrens mehr als die zuletzt an der Börse gezahlten 20% erhält. Sollte also der Handel mit den Anleihen wieder aufgenommen werden, so liegt ein Verkauf aus unserer Sicht nicht unbedingt nahe. Die wichtigen Fristen wird das Insolvenzgericht in den kommenden Wochen mitteilen. Dann wird man wissen, bis wann man seine Forderung beim Insolvenzverwalter zur Insolvenztabelle anmelden muss. Die Anmeldung ist extrem wichtig, denn nur wer seine Anleihe anmeldet, kommt auch in den Genuss der Insolvenzquote. Auch werden die Anleihegläubiger zu einer Anleihegläubigerversammlung geladen werden, auf der die Anleiheinhaber einen gemeinsamen Vertreter wählen können. Sollte ein solcher gewählt werden, übernimmt dieser für alle Anleiheinhaber in Zukunft die Rechte der Anleihegläubiger war. Dann würde eventuell auch eine Einzelanmeldung der Forderung zur Insolvenztabelle entfallen, da der gemeinsame Vertreter dies für alle Anleiheinhaber erledigen würde. Die Fristen und Termine erhalten Sie entweder beim Insolvenzgericht oder auch bei uns über unseren kostenlosen Newsletter.

Wer in Zusammenhang mit dem Kauf der Anleihe beraten worden ist, sollte eventuell Schadensersatzansprüche gegen den Berater prüfen lassen. Hierzu muss jedoch ein auf Kapitalmarkrecht spezialisierter Rechtsanwalt hinzugezogen werden, was wiederum Kosten verursacht. Daher sollte man stets darauf achten, dass man dem schlechten Geld kein Gutes hinterherwirft. Die Anwalts- und Gerichtskosten können schnell in den hohen vierstelligen Bereich gehen.

SdK: „Die Aussetzung ist nur eine schöne Umschreibung von Seiten der Gesellschaft. Es besteht hier aus unserer Sicht keine Hoffnung, dass die Anleihe doch noch zu 100 % bedient werden wird“

Anleihen Finder Redaktion: Was bedeutet das, wenn die Rückzahlung einer Anleihe ausgesetzt wird? Bekommen Anleger Ihr Geld doch irgendwann zurück?

Daniel Bauer: Auch die Anleihe, deren Rückzahlung ausgesetzt wurde, ist wie jede andere Anleihe zu behandeln. Man muss also auch die Forderung hieraus zur Insolvenztabelle anmelden und hoffen, dass die Anleihe gut besichert ist und eine hohe Insolvenzquote auf diese gezahlt werden kann. Die Aussetzung ist nur eine schöne Umschreibung von Seiten der Gesellschaft. Es besteht hier aus unserer Sicht keine Hoffnung, dass die Anleihe doch noch zu 100% bedient werden wird.

Anleihen Finder Redaktion: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass WGF durch das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung wieder auf die Beine kommen kann?

Daniel Bauer: Es kann gut sein, dass die Gesellschaft fortgeführt werden wird. Die Gläubiger werden jedoch nur die Ihnen zustehende Insolvenzquote erhalten. Eventuell erhalten die Anleiheinhaber die Insolvenzquote in Form von Anteilen, also Aktien des Unternehmens. Damit könnte man von einer eventuell positiven Entwicklung in der Zukunft profitieren. Wir befürchten aber, dass auch damit nicht alle Gläubiger Ihren vollen Einsatz zurückerhalten werden.

Anleihen Finder Redaktion: Was hat die WGF falsch gemacht? Welche berechtigten Vorwürfe kann man den WGF-Managern machen?

Daniel Bauer: Die WGF ist eine Blackbox. Da die Gesellschaft keinen Konzernabschluss erstellt hat, konnte man nie genau beurteilen, wie die finanzielle Lage der Gesellschaft wirklich ist. Aufgrund des Jahresabschlusses für 2011 scheint es so zu sein, dass die erworbenen Immobilien viel zu hoch bewertet waren. Man hat hier anscheinend durch (Auftrags-)Gutachten bestätigte Phantasiepreise angesetzt, die in der Realität bei einem Verkauf auf dem freien Markt nicht erzielt werden konnten. Ob es hier auch zu Pflichtverletzungen von Seiten des Vorstandes gekommen ist, wird der Insolvenzverwalter prüfen müssen.   Es stellt sich jedoch schon die Frage, warum man Immobilien über Anleihen und Genussscheine finanzierte, wenn eine Bankenfinanzierung in dem aktuellen Zinsumfeld doch viel günstiger gekommen sein müsste.

Anleihen Finder Redaktion: Die WGF begründet ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit „schwierigen Marktbedingungen“ sowie „strategischen Desinvestments“ und „bilanztechnischen Maßnahmen – insbesondere Abschreibungen auf das Anlagevermögen“. Was meint die WGF in Ihrem Fall mit „strategischen Deinvestments“?

Daniel Bauer: Man hat anscheinend das Geschäftsfeld Immobilienhandel aufgegeben, da man keine Finanzierungen mehr für den Erwerb von Immobilien erhalten hat. Daher hat man sich nun auf die Projektentwicklung fokussiert. Dies wollte man wohl mit institutionellen Investoren finanzieren. Die verkauften Immobilien im Bereich Immobilienhandel dürften aus unserer Sicht wohl die Desinvestments darstellen.

Anleihen Finder Redaktion: Auch der weitere Teil der Begründung von WGF für ihr schlechtes Wirtschaften bietet einen Anlass zum Nachfragen: „konservative Wertberichtigungen auf die Beteiligungen und die Forderungen an verbundene Unternehmen für die Jahre 2011 und 2012“. Wirtschaftsprüfer hätten „realisierte Verkaufspreise aus Verkäufen in einer schwierigen Marktsituation“ für die Bewertung der Immobilien herangezogen. Kann man daraus den Schluss ziehen, dass WGF-Immobilien jahrelang falsch bewertet worden sind? Und wieso sind die Immobilien angeblich erst jetzt auf Basis „realisierter Kaufpreise“ bewertet worden?

Daniel Bauer: Der Wert der Immobilien ist ja nicht täglich festzustellen, da Immobilien nicht wie Aktien täglich an der Börse gehandelt werden. Daher nimmt man meist Gutachter zur Hilfe, die den Wert der Immobilien schätzen. Dieser Wert geht dann als Buchwert in die Bilanzen des Unternehmens, welche die Immobilien hält, ein. Wird nun die Immobilie verkauft, und der realisierte Verkaufspreis liegt unter den vom Gutachter ermitteltem Preis, so muss man beim Verkauf einen Verlust hinnehmen. Dies war bei der WGF im Jahr 2011 wohl des Öfteren der Fall, wodurch der Wirtschaftsprüfer der WGF sich auch die nicht zum Verkauf stehenden Immobilien näher betrachtet hat. Dabei hat er wohl den Eindruck gewonnen, dass auch diese Immobilien zu hoch bewertet sind und Abschreibungen darauf verlangt. Im Zweifel sollte man hier dem Wirtschaftsprüfer eher glauben als einem Gutachter oder der Meinung des Vorstands der WGF. Es scheint also aus unserer Sicht so zu sein, dass in der Vergangenheit die Immobilien wohl mit „Mondpreisen“ bilanziert worden sind. Hier stellt sich unserer Meinung nach natürlich auch die Haftungsfrage bezüglich Vorstand, Gutachter und auch Wirtschaftsprüfer.

Anleihen Finder Redaktion: Die WGF schreibt in ihrer Pressemitteilung von einem „Reputationsschaden“, der ihr durch „ungerechtfertigte Mediendarstellungen“ „Mitte 2011“ widerfahren sei. Daraufhin hätten „zwei Banken die bereits zugesagte Platzierung von Genussscheinen zur Stärkung der Eigenkapitalbasis gestoppt“. Was steckt dahinter?

SdK: „Man könnte so eine Refinanzierungsweise unserer Meinung nach auch als „Schneeballsystem“ bezeichnen.“

Daniel Bauer: Aus unserer Sicht sind das nur Ausreden von Seiten der Gesellschaft. Hätte die WGF Immobilien in 1a Lagen und wären diese auch so werthaltig wie diese bilanziert worden sind, wäre es ohne Probleme möglich gewesen, eine Finanzierung über ein Kreditinstitut zu erhalten. Mit der Ausgabe von Genussscheinen hätte man das Problem aus unserer Sicht nur weiter nach hinten geschoben. Man könnte so eine Refinanzierungsweise unserer Meinung nach auch als „Schneeballsystem“ bezeichnen. Die Dummen wären dann am Ende die Genussscheinkäufer gewesen.

Anleihen Finder Redaktion: In Presseberichten über die WGF werden schwere Vorwürfe gegen die WGF diskutiert. Es fallen Stichworte wie „Schneeballsystem“ und „Insolvenzverschleppung“. Könnte es für Sinn machen, in diese Richtung weiterzudenken?

Daniel Bauer: Das wird Aufgabe des Insolvenzverwalters und der Staatsanwaltschaft sein, dies zu ermitteln. Aber es gibt aus unserer Sicht durchaus Anhaltspunkte hierfür. Im Regelfall prüft die Staatsanwaltschaft bei Eröffnung eines Insolvenzverfahrens den Vorwurf der Insolvenzverschleppung sehr genau.

Anleihen Finder Redaktion: Die WGF habe laut Medienberichten Abmahnanwälte engagiert, um unliebsame Berichte über die WGF zu verhindern. Müssen wir uns nach der Veröffentlichung dieses Interviews Sorgen machen?

Daniel Bauer: Ja, es gab durchaus in der Vergangenheit Berichte von einem solchen Vorgehen seitens der WGF. Aus unserer Erfahrung heraus reagieren Unternehmen, die sich Vorwürfen und Kritik ausgesetzt sind, nur dann mit Abmahnungen, wenn die Kritik zumindest teilweise berechtigt ist. Unternehmen die nichts zu verbergen haben, reagieren unserer Erfahrung nach hingegen mit Kommunikationsbereitschaft und gesteigerter Transparenz, und verschwenden nicht tausende von Euros für Abmahnanwälte und Mediaagenturen.

Anleihen Finder Redaktion: Herr Bauer, vielen Dank für das Gespräch.

Anleihen Finder Redaktion

Fotos: Shane Gorski/flickr (oben), Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. (SdK) (Mitte und unten)

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