Warten auf Godot? – Kolumne von Florian Weber, SCHNIGGE Wertpapierhandelsbank

Dienstag, 24. September 2013

Samuel Beckett hat es in seinem Buch beschrieben: der absurde Bericht über das Warten auf etwas, was nicht kommt, bei Brecht ist es analog das Warten auf den St. Nimmerleinstag.

Nein, es geht mir nicht darum, Ihnen, verehrte Leser, zu beweisen, dass ich das ein oder andere Buch gelesen habe. Vielmehr kommt mir die Situation am deutschen Anleihemarkt derzeit ähnlich vor, wie Beckett es beschrieb. Gerade einmal 3 Monate ist es her, dass die US Notenbank Signale absetzte, die Zeit des Billigen Geldes könnte vorbei sein. Der Schmierstoff der letzten Monate – der Ankauf von Anleihen durch die Notenbank – könne eingestellt, zumindest aber gedrosselt werden.
Sofort haben die Märkte reagiert, die Stimmung an den Anleihemärkten ist von einem auf den anderen Tag deutlich eingeknickt, Kursverluste allenthalben, Investoren sind sehr zurückhaltend geworden, die ersten Auguren sprechen von Zinssätzen bei 5%.

Mal Hand auf´s Herz. Muss der Markt in Sorge oder Panik verfallen? Ist wirklich damit zu rechnen, dass die Zinssätze in den nächsten 2 Jahren durch die Decke schießen? Wir denken nicht – und das hat seine guten Gründe!

Schauen wir uns zunächst einmal die politische Dimension an:
1) Wirtschaftsförderung durch niedrige Zinsen: Das Wirtschaftswachstum in den USA und Deutschland ist nach Jahren der Krise nun bei weitem noch nicht auf einem Niveau, dass man hier durch Zinserhöhungen bremsend eingreifen muss. Auch die jüngsten Konjunkturdaten sagen ein moderates Wachstum voraus – und in anderen europäischen Ländern wäre man sicherlich froh, wenn man überhaupt erst einmal wieder ein Wirtschaftswachstum hätte!

2) Schuldenlösung durch niedrige Zinsen: Der deutsche Staat hat in den letzten 5 Jahren massive Anstrengungen unternommen, dass die Wirtschaft nicht zusammenbricht. Ob dies Investitionen in Banken zur Stützung des Systems waren oder aber Abwrackprämien für Autos – die Liste ist lang. Hierfür hat der Staat weitere Schulden aufgenommen, für die Zinsen zu zahlen sind. Steigt nun das Zinsniveau, erhöht sich automatisch die Belastung für den Haushalt. Zwar sind die Steuereinnahmen in Deutschland auf Rekordniveau gestiegen, aber es wäre schön, wenn diese Einnahmen auch zur Haushaltskonsolidierung eingesetzt werden könnten, ohne das Geld direkt wieder für Zinszahlungen ausgeben zu müssen. Somit besteht kein politisches Interesse an steigenden Zinsen.

3) Auch die Inflation spielt der Regierung beim Abbau der Staatsverschuldung in die Hände: Derzeit zahlt der Staat weniger Zinsen als die Geldentwertung voranschreitet. Auf einen 5-Jahreszeitraum kommt es so ganz automatisch zu einer relativen Verbesserung der Schuldensituation – und wenn es nach der Bundesregierung ginge, könne das wohl noch ein paar Jahre genau so weitergehen.
Wenn wir von der Inflation sprechen, dann geht es auch um die volkswirtschaftliche Betrachtung. Mit den aktuell veröffentlichten Inflationsdaten für den August (1,5%) liegen wir deutlich unter der Grenze, bei der sich die Notenbanken Sorgen um die Geldwertstabilität machen müssten. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass wir kein überbordendes Wirtschaftswachstum haben, welches sich in massiven Preissteigerungen bemerkbar macht. Darüber hinaus sorgt sicherlich auch die ein oder andere aufgebaute Überkapazität dafür, dass die Preise sich nicht zu weit nach oben entwickeln können. Dass das Thema Preissteigerung nicht einfach ist, wissen wir als regelmäßig einkaufende Verbraucher alle. Denn in einem Warenkorb, in dem auch Ausgaben für Fernseher oder Auto enthalten sind, die man aber nur alle 5 Jahre erwirbt, machen sich deren Preissenkungen nicht so bemerkbar, wie z.B. der Preisanstieg von Brötchen beim Bäcker, wo man dem Preisanstieg – gefühlt – jeden Tag zuschauen kann.

Dennoch – alles spricht für ein weiter moderates Zinsumfeld. Und – wer weiß, ob die Notenbanker nicht ohnehin schon ihr Ziel erreicht haben? Allein mit der Ankündigung zu einem möglichen Stopp der Anleiherückkäufe sind die Renditen deutlich angezogen und haben damit sicherlich die Überreaktion der letzten Jahre, bei denen der ein oder andere Investor wohl meinte, dass nur noch mit Bundesanleihen sein Geld sicher angelegt sei – korrigiert. Das betrifft den Markt der Mittelstandsanleihen ohnehin weniger, da diese mit deutlichen Zinsaufschlägen versehen sind. Und diese Aufschläge bei Laufzeiten von 5 Jahren werden sicherlich reichen, bevor der allgemeine Marktzins sich tatsächlich auf diese Niveaus begibt.

Bei Mittelstandsanleihen sind eher andere Themen, die bewegen. Nach der jüngsten Pleite von Windreich gibt es wieder einen Nackenschlag für Investoren, auch der ein oder andere Emittent dürfte noch mit einer negativen Nachricht um die Ecke kommen. Der historisch betrachtet noch junge Markt ist drauf und dran, Glaubwürdigkeit zu verspielen und läuft Gefahr, dass sich bisherige Investoren trotz Risikoaufschlägen zurückziehen. So haben viele Anleihen entgegen der Entwicklung in den letzten Jahren ihre Kursverluste nicht aufholen können – offensichtlich verabschieden sich einige Investoren aus der Assetklasse Mittelstandsanleihen.

Warten auf Godot – der kam ja bekanntlich nie. Das kann man sicherlich für einen Zinsanstieg nicht sagen – aber die große Zinswende sehen wir kurzfristig nicht kommen. Es wäre auch neu, wenn an der Börse geklingelt würde……
In diesem Sinne ein glückliches Händchen bei Ihren Dispositionen wünscht

Florian Weber

Kurzvita von Florian Weber

Florian Weber ist Handelsvorstand bei der SCHNIGGE Wertpapierhandelsbank AG und für die Emission und Marktseite für Mittelstandsanleihen und alle andere Wertpapierklassen zuständig.

Nach seiner Ausbildung und anschließender Handelstätigkeit im Aktienhandel für die Deutsche Bank wechselte er 1996 zur SCHNIGGE AG, deren Handelsvorstand er seit 2003 ist.

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