Mittelstandsfinanzierung: Vier Alternativen zum Bankkredit

Montag, 14. Mai 2018


Beitrag von Holger Clemens Hinz, Leiter Corporate Finance bei der Quirin Privatbank.
In einem herausfordernden Umfeld stoßen viele KMUs bei der Kreditbeschaffung an ihre Grenzen. Dabei bieten sich ihnen einige Möglichkeiten mehr als nur der klassische Bankkredit.

In Sachen Lebensqualität gehört Basel zu den attraktivsten Städten der Schweiz. Die Nähe zum Rhein, die überwältigende Architektur, die kulturelle Vielfalt – das alles begeistert Einwohner wie Touristen gleichermaßen. Doch viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zucken mittlerweile nur noch zusammen, wenn sie „Basel“ nur hören. Grund dafür ist die Basel-III-Regelung, wonach Banken bei der Kreditvergabe deutlich höhere Sicherheiten verlangen müssen. Sicherheiten, die viele Mittelständler nicht leisten können.

Man könnte zwar meinen, dass die KMUs Schützenhilfe von der Europäischen Zentralbank (EZB) bekämen, seitdem diese im Sommer 2016 damit begann, im Sinne der Ankurbelung der Inflation nicht nur Staats-, sondern auch Unternehmensanleihen in großem Umfang aufzukaufen. Da dies aber ausschließlich große und solvente DAX-Unternehmen betrifft, sind KMUs von dieser Maßnahme ausgeschlossen. Zu allem Überfluss eröffnet sich den Großen durch den Verkauf ihrer Corporate Bonds auch noch die Möglichkeit der Übernahme kleinerer Firmen.

Man sieht, das Umfeld ist schwierig für KMUs und speziell für die Mittelstandsfinanzierung. Der Mittelstand hat erhebliche Schwierigkeiten, attraktive Bankkredite für seine Wachstumsstrategien ausfindig zu machen. Letztendlich hilft nur eines: alte Finanzierungsstrategien über Bord zu werfen und die Finanzierung im Optimalfall gleich auf mehrere Standbeine zu stellen.

Attraktive Finanzierungsmöglichkeiten für Mittelständler gibt es an und für sich gleich mehrere:

  • Schuldscheindarlehen
  • Mittelstandsanleihen
  • Debt-Fonds
  • IPO

Schuldscheindarlehen bei Mittelstandsfinanzierung immer beliebter

Der Reihe nach: Um ihre Wachstumsstrategien zu finanzieren, können Unternehmen etwa Schuldscheine nutzen; eine Finanzierungsform, an der in zunehmendem Maße auch Anleger Gefallen finden. So wurden nach jüngsten Zahlen der DZ Bank im Jahr 2017 insgesamt 136 Schuldscheindarlehen mit einem Gesamtvolumen von rund 27,4 Milliarden Euro emittiert, deutlich mehr als im Vorjahreszeitraum (108 Schuldscheindarlehen/25,4 Milliarden Euro). Zwar sind die Anforderungen an den Mittelständler für die Vergabe von Schuldscheinen nicht zu unterschätzen, doch wenn er diese erfüllt, bietet sich ihm eine Reihe von Vorteilen. So sind Schuldscheindarlehen zwar verbriefte Darlehen, allerdings handelt es sich bei ihnen nicht um Wertpapiere im eigentlichen Sinne; sie sind anders als beispielsweise klassische Anleihen nicht an der Börse notiert. Daher sind die Unternehmen auch von den an den Kapitalmärkten sonst üblichen Publizitätspflichten befreit, was unter anderem deutlich geringere Emissionskosten bedeutet. Das Schuldscheindarlehen stellt somit einen vergleichsweise kostengünstigen Kapitalmarktzugang dar. Was ebenfalls für diese Finanzierungsmöglichkeit spricht: Mittelständler haben einen größeren Investorenkreis als beim Konsortialkredit, sie können sogar Geldgeber außerhalb Deutschlands ansprechen. Auch im Ausland wächst daher das Interesse an dieser Form der Mittelstandsfinanzierung – was insofern durchaus positiv ist, als Mittelständler somit leichter an internationale Geldgeber herankommen können.

Ein Selbstläufer ist die Vergabe von Schuldscheindarlehen trotzdem nicht. Bevor Investoren einen Schuldschein in ihr Depot aufnehmen, nehmen sie den Emittenten sehr genau unter die Lupe: Das Geschäftsmodell und Management, die Bilanz und das Rating sind nur einige Aspekte, die Investoren vorab abklopfen. Ein stabiler Cashflow in der Vergangenheit und in den Erwartungen kann ebenfalls nicht schaden, um interessierte Anleger zu überzeugen. Die Rückschau dient dabei zur Ermittlung der Finanzierungsnotwendigkeit, die Vorschau soll Hinweise auf die Schuldentragfähigkeit liefern.

Für Investoren kann sich dieses Engagement lohnen. Sie können ihr Portfolio mit einer Anlagenalternative diversifizieren, die eine attraktive Risiko-Rendite-Relation bietet. Darüber hinaus erhalten sie über die Schuldscheine einen Zugang zu Unternehmen mit guter bis sehr guter Bonität, die ansonsten an den Kapitalmärkten kaum vertreten sind.

Mittelstandsanleihen: Es ist nicht alles schlecht

Schuldscheindarlehen stellen allerdings nicht die einzige Alternative zu einem klassischen Bankkredit dar. Auch mit der Emission von Mittelstandsanleihen sollten sich KMUs zumindest einmal auseinandergesetzt haben. Zwar hat das Ansehen dieser Bonds im Zuge einiger Insolvenzen von Emittenten gelitten. Doch Fakt ist auch, dass Anleihen ihren Reiz haben, unter anderem aufgrund ihres Win-win-Charakters: Auf der einen Seite können sich solide Unternehmen vor dem Hintergrund der anhaltenden Niedrigzinsphase zu günstigen Konditionen verschulden, auf der anderen Seite bieten die Bonds Investoren nach wie vor attraktive Renditechancen.

Grundsätzlich sollte es Unternehmen bei der Verteilung ihrer Finanzierung auf verschiedene Standbeine nicht nur um das Szenario gehen, dass im Falle einer erneuten Banken- beziehungsweise Finanzkrise der Kreditmarkt abermals einbrechen und Banken ihre Kreditvergabe drastisch einschränken könnten. Auch der Umstand, dass Banken teilweise Darlehen nur projektbezogen vergeben und Betriebsmittelkredite häufig nur bis auf Widerruf gewähren, unterstreicht die Notwendigkeit, die bestehende Finanzierungsstruktur zu optimieren. Eine Anleihe als zusätzlicher Finanzierungsbaustein garantiert Emittenten hingegen nicht nur eine Flexibilität in der Mittelverwendung. Auch der Erhalt der wirtschaftlichen Selbstständigkeit aufgrund des Fremdkapitalcharakters, die Etablierung eines zusätzlichen Investorenzugangs sowie die damit einhergehende Stärkung der Verhandlungsposition gegenüber Banken bei künftigen Darlehensverhandlungen können sich für Unternehmen bezahlt machen.

Flexibilität ergibt sich bei Mittelstandsanleihen in noch einem weiteren Punkt: Bei der Emission einer Anleihe hat das Unternehmen zwei Möglichkeiten – ein Private Placement und ein Public Offering.

Mittelstandsfinanzierung durch Debt-Fonds

Eine weitere Finanzierungsmöglichkeit stellen Debt-Fonds dar. Auch mit diesem Instrument können sich mittelständische Unternehmen unabhängiger von ihrer Hausbank machen. Die alternative Finanzierung im Fremdkapitalbereich hat den Vorteil, vergleichsweise weniger Sicherheiten hinterlegen zu müssen.

In die Kategorie der Debt-Fonds fällt die Mezzanine-Finanzierung – also die Finanzierung mit Hybridkapital. Grund: Mezzanine-Kapital belegt bilanziell eine Position zwischen stimmberechtigtem Eigenkapital und erstrangigem Fremdkapital. Unternehmer, die sich für diese Finanzierungsform entscheiden, müssen den Kapitalgebern zwar eine höhere Rendite anbieten. Im Gegenzug müssen die Mittelständler den Mezzanine-Investoren aber keine Stimmrechte einräumen und behalten so die komplette Kontrolle über das operative Geschäft.

IPOs: Die große Bühne der Mittelstandsfinanzierung

Ein Thema, mit dem sich der Mittelstand bei der Finanzierung nach wie vor schwer tut, ist der Börsengang. Zwar gibt es erste zögerliche Bewegungen in diesem Bereich. Doch die meisten mittelständischen Unternehmen haben noch nicht verstanden, dass eine Finanzierung über den Kapitalmarkt ohne Alternative ist. Viele dürften auch nicht wissen, dass selbst für kleinere Gesellschaften die diversen Vorteile eines IPOs gelten. Unter anderem wird mit dem Gang aufs Parkett etwa das Klumpenrisiko deutlich verringert – es gibt keinen einzelnen mächtigen Gesellschafter, der den für das operative Geschäft Verantwortlichen reinreden würde. Und nicht zuletzt verspricht ein Börsengang eine vergleichsweise attraktive Bewertung.

Basel ohne Schrecken

Man sieht, trotz Niedrigzinsumfeld und strengerer Regulierung für die Banken gibt es für mittelständische Unternehmen durchaus einige attraktive Finanzierungsoptionen, diese müssen allerdings von den Kapitalmarktexperten der Geldhäuser auch identifiziert und verstanden werden. Doch auch wenn deutsche Banken mit einigen neueren Finanzierungsmöglichkeiten noch nicht so vertraut sind, fangen sie an, sich mit diesen zu beschäftigen. Beispiel Borrowing-Base-Finanzierung: Dabei werden vereinfacht gesagt nicht nur die Forderung eines Unternehmens berücksichtigt, sondern auch sonstige Vermögensgegenstände des Umlauf- oder sogar des Anlagevermögens. Der Vorteil besteht in einer atmenden Kreditlinie, die nicht im Wesentlichen von der Höhe des Eigenkapitals abhängig ist, sondern vom Umfang und von der Qualität der Aktiva und insofern für den Mittelstand eine wichtige Finanzierungsquelle darstellen kann.

Es lässt sich auch so ausdrücken: Die Optionen bei der Finanzierung sind auch für KMUs mannigfaltig – wer diese Möglichkeiten zu nutzen weiß, muss beim Wort „Basel“ auch nicht mehr zusammenzucken.

Holger Hinz, Quirin Privatbank

Hinweis: Hier finden Sie den Kapitalmarkt-Blog der Quirin Privatbank.

Foto: pixabay.com

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