Insolvenzen von Anleiheemittenten: Was bleibt für die Gläubiger?

Mittwoch, 17. Juli 2013


Es gab in den letzten Monaten und Jahren mehrere mittelständische Anleiheemittenten die Insolvenz anmelden mussten, darunter die Solar Millennium AG, die Solarwatt AG, die WGF AG, die Solen AG und Siag Schaaf AG.
Die Anleihen Finder Redaktion ging der Frage nach, wie ein Insolvenzverfahren in der Regel abläuft und welche Konsequenzen dies für die Anleihe-Gläubiger hat.

Im Interview mit der Anleihen Finder Redaktion geben Dr. Oliver Zander und Dr. Wolfram Desch von der Görg Partnerschaft von Rechtsanwälten, München, einen Überblick:

Anleihen Finder Redaktion: Was genau passiert, wenn ein Unternehmen seine Schulden nicht mehr bezahlen kann und Insolvenz anmeldet? Wie läuft ein typisches Insolvenzverfahren ab?

GÖRG: Das Management einer Aktiengesellschaft oder einer GmbH ist verpflichtet, bei Eintritt von Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung Insolvenzantrag zu stellen. Nach dem Insolvenzantrag findet zunächst ein sogenanntes vorläufiges Insolvenzverfahren statt. Das Insolvenzgericht setzt einen vorläufigen Insolvenzverwalter ein. Das vorläufige Insolvenzverfahren dauert in der Regel bis zu drei Monate. Nach seiner Beendigung entscheidet das Insolvenzgericht über die Eröffnung des eigentlichen Insolvenzverfahrens und über die Einsetzung eines Insolvenzverwalters. In der Regel wird der vorläufige Insolvenzverwalter auch zum endgültigen Insolvenzverwalter ernannt. Der Insolvenzverwalter trifft alle wesentlichen Entscheidungen im Hinblick auf das insolvente Unternehmen. Insbesondere verwertet er das beim Unternehmen vorhandene Vermögen. Ferner fordert er die Gläubiger auf, ihre Forderungen zur Insolvenztabelle anzumelden. Erlöse aus der Verwertung verteilt er gleichmäßig auf die Gläubiger. Bestimmte gesicherte Gläubiger – beispielsweise Gläubiger mit Grundschulden – können allerdings ihre Sicherheiten auch in der Insolvenz in der Regel durchsetzen. Typischerweise dauern Insolvenzverfahren zwischen fünf und acht Jahren. Am Ende des Verfahrens wird die sogenannte Insolvenzquote an die Gläubiger ausgeschüttet. In deutschen Unternehmensinsolvenzverfahren liegt die Insolvenzquote häufig im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Prozentbereich des Nominalwerts der geltend gemachten Forderung.

Anleihen Finder Redaktion:  Was bedeutet eine Insolvenz in Eigenverwaltung und welche Vor- und Nachteile hat dieses Konzept für das betroffene Unternehmen?

GÖRG: Bei der Insolvenz in Eigenverwaltung tritt die Geschäftsführung bzw. der Vorstand an die Stelle des Insolvenzverwalters. Sie wird von einem vom Gericht bestellten Sachwalter beaufsichtigt. Für ein Unternehmen bietet sich eine Eigenverwaltung an, wenn es eine Sanierung durchführen will, ohne auf die Unterstützung eines Insolvenzverwalters angewiesen zu sein. Da das Unternehmen in einer Eigenverwaltung viele Aufgaben eines Insolvenzverwalters zu übernehmen hat, kann es eine Eigenverwaltung allerdings nicht ohne externe insolvenzrechtliche Beratung durchführen.

Anleihen Finder Redaktion: Was ist eine Planinsolvenz?

GÖRG: Bei einer Planinsolvenz handelt es sich um ein Insolvenzverfahren, in dem eine Art Zwangsvergleich (Insolvenzplan) zwischen allen Gläubigern getroffen wird. In der Regel sieht der Insolvenzplan erhebliche Reduzierungen der Gläubigerforderungen vor. Alle Gläubiger müssen grundsätzlich dem Insolvenzplan zustimmen. Im Einzelfall kann das Gericht allerdings die Zustimmung von Gläubigern ersetzen. Eine Ersetzung der Zustimmung ist nur möglich, wenn der Gläubiger durch das Insolvenzplanverfahren nicht schlechter gestellt wird als in einem regulären Insolvenzverfahren. Der wesentliche Unterschied zum Regelverfahren ist, dass der Rechtsträger, also die GmbH oder AG erhalten, gemäß dem Plan saniert und aus der Insolvenz wieder entlassen wird. Bei einer Regelinsolvenz wird der Betrieb in der Regel verkauft und der alte Rechtsträger abgewickelt.

Anleihen Finder Redaktion: Wie sieht es im Insolvenzfall für die Anleihegläubiger aus? Wie hoch stehen ihre Chancen, ihr Geld oder einen Teil davon wiederzusehen und wovon hängt dies ab?

GÖRG: Die Werthaltigkeit der Ansprüche von Anleihegläubigern hängt wesentlich davon ab, ob ihre Forderungen aus der Anleihe besichert sind oder nicht. Im Regelfall sind Anleihegläubiger ungesicherte Gläubiger, die auf ihre Forderungen lediglich die Insolvenzquote erhalten. Die Quote hängt wesentlich davon ab, in welcher Höhe andere Gläubiger Forderungen gegen das insolvente Unternehmen haben und wie viel Vermögen beim Unternehmen noch vorhanden ist, das hierfür haftet.

Anleihen Finder Redaktion: Wie sollte sich ein Gläubiger im Fall der Fälle verhalten, welche Schritte einleiten und welche Termine nicht verpassen?

GÖRG: Anleihegläubiger sollten in jedem Fall ihre Forderung zur Insolvenztabelle anmelden. Ferner können Anleihegläubiger an den Versammlungen der Insolvenzgläubiger teilnehmen sowie an einer speziell für die Anleihegläubiger einzuberufenden Versammlung.
Auf diesen Versammlungen hat ein Anleihegläubiger in der Regel ein Stimmrecht. Die Themen der jeweiligen Versammlungen sollten vorher eingesehen werden.

Anleihen Finder Redaktion: Wie können sich Anleihe-Gläubiger organisieren? Wie kann man sich möglichst preisgünstig von einem Rechtsbeistand vertreten lassen?

GÖRG: Im eröffneten Insolvenzverfahren beruft das Insolvenzgericht eine spezielle Versammlung der Anleihegläubiger ein. Auf dieser Versammlung wird über die Einsetzung eines gemeinsamen Vertreters für die Anleihegläubiger abgestimmt. Der gemeinsame Vertreter ist dann allein berechtigt, die Rechte der Gläubiger im Insolvenzverfahren geltend zu machen.

Anleihen Finder Redaktion: Vielen Dank für Ihre Antworten.

Anleihen Finder Redaktion

Fotos: Dr. Oliver Zander (oben),
Dr. Wolrram Desch (unten)

Titel: Thorben Wengert_pixelio.de

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Kommentare

  1. Alfred Lipsky

    …Görk: bei Eintritt von Zahlungsfähigkeit oder Überschuldung…- da fehlt bestimmt ein -un-!!!
    MfG
    ALi

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