„Bei einem durchschnittlichen Kupon von 7,3 Prozent ist bei den 55 Anleihen im Entry Standard nur ein Default bei drei insolventen Unternehmen sehr wenig“ – Warum der Begriff „Mittelstandsanleihen“ irreführend ist und Journalisten die Rolle der Börse falsch darstellen – Interview mit Eric Leupold, Deutsche Börse AG

Donnerstag, 17. April 2014
„Bei einem durchschnittlichen Kupon von 7,3 Prozent sind bei den 55 Anleihen im Entry Standard nur ein Default und drei insolvente Unternehmen sehr wenig“ - Warum der Begriff „Mittelstandsanleihen“ irreführend ist und warum Journalisten die Rolle der Börse falsch darstellen – Interview mit Eric Leupold, Deutsche Börse AG


Nachdem die Deutsche Börse ihren Best Practice Guide vorgestellt hatte, entstand die Diskussion um den Begriff „Mittelstandsanleihen“. Die Börse Frankfurt als Taufpate des Börsensegments Entry Standard will sich anscheinend vom Begriff „Mittelstandsanleihe“ distanzieren. Die Anleihen Finder Redaktion fragte bei Eric Leupold (Foto), Leiter der Abteilung Issuer & Primary Market Relations der Deutsche Börse AG, nach:

Anleihen Finder Redaktion: Sehr geehrter Herr Leupold, welche Missverständnisse gibt es aus Sicht der Börse beim Begriff „Mittelstandsanleihen“?

Eric Leupold: Von Beginn an haben wir – die Deutsche Börse – den Begriff „Mittelstand“ vermieden, um hier keinen irreführenden Qualitätsanspruch zu suggerieren. Mit dem Begriff “Mittelstand” verbinden viele Anleger solide, alteingesessene Unternehmen, die mit Ihrer Marke und Ihrem Produkt am Markt etabliert sind. Vor allem verbinden Anleger mit Mittelstand aber auch eine hohe Bonität und ein sicheres Investment. Da es sich aber bei den Unternehmen im Entry Standard aber oftmals auch um junge, wachsende Unternehmen handelt, halten wir den Begriff Mittelstand, der vor allem durch die Namensgebung der Segmente anderer Börsen und durch die Medien geprägt wurde, für irreführend.

Anleihen Finder Redaktion: Wieso war die Börse von Anfang an der Meinung, dass die Bezeichnung „Mittelstand“ irreführend sei. Warum könnten „Qualität und Tradition“, für die „Mittelstand“ steht, keine Eigenschaften von Anlage-Klassen wie Unternehmensanleihen von kleinen und mittleren Unternehmen sein?

Eric Leupold: Da die Börse nicht bewertet, ob ein Unternehmen „Qualität und Tradition“ hat, halten wir es für falsch, die Anleihen als Mittelstandsanleihen zu benennen. Wie auch schon der Entry Standard für Aktien, den wir 2005 eingeführt haben, richtet sich der Entry Standard für Anleihen neben mittelständischen Unternehmen eben auch an junge, wachsende Unternehmen. Diese haben oft schon aufgrund ihrer nicht so gewachsenen Struktur ein anderes Risikoprofil, weshalb wir sie auch nicht als Mittelständler bezeichnen. Außerdem ist die Anleiheemission für viele der Unternehmen im Entry Standard der erste Zugang zum Kapitalmarkt, daher auch der Name „Entry Standard“.

„Eine Differenzierung zwischen den Segmenten der Börsen fand bisher in der Presse nicht statt“

Anleihen Finder Redaktion: Der Schluss liegt nahe, dass die Börse Frankfurt damit auf die zurzeit schlechte Presse der „Mittelstandsanleihen“ reagiert.

Eric Leupold: Der Begriff Mittelstandsanleihen ist von den Medien und der Namensgebung der Segmente anderer Börsen ins Spiel gebracht worden. Eine Differenzierung zwischen den Segmenten der Börsen fand bisher in der Presse nicht statt, obwohl es deutliche Unterschiede gibt, die wir auch immer angesprochen haben. Frankfurt hat stets von Anleihen kleiner und mittlerer Unternehmen gesprochen, dies wurde jedoch von der Presse bisher nicht aufgegriffen.

Anleihen Finder Redaktion:  Wie sollten Ihrer Meinung nach Journalisten bei der Berichterstattung über Unternehmensanleihen von kleinen und mittleren Unternehmen vorgehen, um über die Anlageklasse adäquat zu berichten?

Eric Leupold: Die Berichtserstattung der Journalisten sollte vor allem gründlich recherchiert sein und alle Fakten beinhalten. Auch sollte zwischen den verschiedenen Börsensegmenten differenziert werden, da es hier erhebliche Unterschiede gibt. Allgemein kommen aus unserer Sicht die Fakten, die für den Entry Standard sprechen, zu kurz. Die Fakten zeigen z.B. dass es in Frankfurt bei 55 Anleihen bisher nur einen Default bei drei insolventen Unternehmen gegeben hat – das ist bei einem durchschnittlichen Kupon von 7,3 Prozent sehr wenig. Und die Fakten zeigen auch, dass die Hälfte aller Anleihen über pari notieren. Die Fakten zeigen auch, dass viele Investoren nach wie vor großes Interesse an Unternehmensanleihen haben und das Risiko offenbar auch ganz gut verstehen – das zeigt eine aktuelle Investorenbefragung der Börse Frankfurt.

Unserer Meinung nach wird auch die Rolle der Börse oftmals falsch von den Medien dargestellt. Die Börse sorgt für faire, transparente und überwachte Märkte. Durch die Berichterstattung in den Medien wurde den Anlegern aber oftmals suggeriert, dass die Börse die Qualität der Unternehmen prüft, was nicht der Fall ist und auch nicht Rolle der Börse entspricht. Trotzdem möchten wir die Märkte verbessern und weiterentwickeln, z.B. durch die Veröffentlichung des „Best Practice Guide: Empfehlungen für Anleiheemission“. Viel größere Probleme bereitet doch eigentlich der intransparente und unregulierte Graumarkt, Stichwort: Prokon.

Anleihen Finder Redaktion:  Herr Leupold, vielen Dank für das Gespräch!

Christoph Morisse, Anleihen Finder Redaktion

Foto: Deutsche Börse AG

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